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Papyrus: Zeitstrahl nicht verwenden

von Thomas Poppner

Das Problem des Perfektionismus

Ich gebe es zu, es ist schon eine steile Aussage, vom Zeitstrahl abzuraten. Warum tue ich das? Weil der Zeitstrahl bei mir zu Perfektionismus-Denken führt. Und Perfektionismus ist in meinen Augen das Gift unserer Zeit.

Wenn ich hier zum Beispiel einen Youtube-Beitrag einbinden will, ist das rechtlich bereits problematisch. Denn die Perfektionisten unserer EU – Bürokraten, die keine Angst um ihren Job haben müssen –, haben mit der DSGVO ein Bürokratiemonster erschaffen. Danke für die vielen Banner, die wir nun wegklicken dürfen. Und vor allem für zig Seiten Datenschutzhinweise, die jeder Website-Betreiber nun auf seine Seite stellen muss, ohne dass sie jemals jemand lesen wird. Außer vielleicht ein Abmahnanwalt.

Oder auch die Genderfranktion, die glaubt, durch aufgeblähtere Wortformen irgendjemandem einen Gefallen zu tun. Purer Perfektionsmus von Leuten, die noch nicht verstanden haben, dass es noch perfektionistischer geht. Denn wie wäre es mit dem BürgerInnensteig oder auch RechtsanwältInnenGehilfInnen oder ÄrztInnenHelferInnen.

Perfektionismus kennt keine Grenzen. Wenn man etwas erreichen will, sollte man verantwortungsvoll handeln. Aber Verantwortung bedeutet, aufzuhören, wenn etwas gut ist. Vielleicht reicht sogar, wenn es zufriedenstellend ist.

Perfektionismus im Zeitstrahl?

Ich weiß, es gibt Leute, die den Zeitstrahl verwenden. Wenn du daraus Nutzen ziehen kannst, verwende ihn. Solltest du ihn allerdings ausprobieren wollen, achte auf folgendes Verhalten:

Problem Nr. 1: Kurze Szenen oder Ausschnitte

Du hast eine Szene, die nur einen Kampf auf der Straße beschreibt. Das tut sie relativ ausführlich. Wie stellst du das in den Zeitstrahl ein? Plötzlich sitzt du da und fragst dich, ob dieser Kampf nun eine Minute dauert oder vielleicht zwei. Oder könnten es auch nur 30 Sekunden gewesen sein? Dann planst du das irgendwo im Zeitstrahl ein. Toll gemacht. Gibt es irgendeinen Ort, an dem diese zwei Minuten mit etwas anderem kollidieren? Wahrscheinlich eher nicht. Und damit sind wir beim zweiten Problem.

Problem Nr 2: Völlig unproblematische Textbereiche

Denn außerdem wirst du nun einen sauberen Zeitstrahl haben wollen. Sauber bedeutet, dass du deine komplette Geschichte zeitstrahltechnisch verwurstetet hast. Nutzen tut dir das überhaupt nichts, außer, dass du dich damit von der Arbeit abhältst.

Häufig kann man durch ein wenig andere Formulierungen vieles umgehen, das zu Problemen führen könnte, die der Zeitstrahl verhindern soll. Wenn es aber solche Zeitkollisionen geben könnte – macht es dann wirklich Sinn, nur wegen dieser paar Stellen einen Zeitstrahl über den kompletten Roman aufzubauen? Das hilft niemandem und macht nur Arbeit. Und welche Art von Arbeit ist das? Damit sind wir beim dritten Problem.

Problem Nr. 3: Den Zeitstrahl zu pflegen ist so stressig wie die Steuererklärung

Schreiben ist ein kreativer Prozess. Und Kreativität sollte man fördern und nicht blockieren durch bürokratische Maßnahmen, die nur nerven. Ich gebe zu: Den Zeitstrahl zu pflegen stresst mich. Ich merke das nicht immer, denn der auch bei mir stattfindende Perfektionsmus tarnt das hinter der tollen Aussicht, wie schön es doch wäre, wenn ich mir diese sinnlose Arbeit machen würde. Deswegen sollte ich mich fragen: Will ich zum Schluss einen guten Zeitstrahl oder einen guten Text?

Problem Nr. 4: Textumstellungen

Ein sehr großes Problem waren bei mir auch Textumstellungen. Wenn du ein Stück Handlung mit einem anderen zusammenfasst – was im Rahmen von Überarbeitungen gern geschieht – reißt du schlimmstenfalls ein Riesenloch in deinen Zeitstrahl, das du nun manuell wieder auffüllen musst. Und nun? Nun sitzt du und passt Zeiten an. Die müssen aber nun zu den anderen (völlig unproblematischen) Parallelsträngen passen. Also passt du deren Zeiten auch an.

Irgendwann gibst du auf und sagst dir, dass das anzupassen nicht mehr so wichtig wäre. Ab diesem Moment ist dein kompletter Zeitstrahl Schrott. Denn sobald die nächste solche Stelle kommt, hast du längst vergessen, wo du schon mal geschludert hast. Ein geschluderter Zeitstrahl tut seine Arbeit nicht mehr. Er ist nur noch da und nervt wie ein Hundehaufen auf der Straße.

Fazit

Am Ende hast du unfassbar viel unproduktives Zeug zusammengeschoben. Sicher, es ist möglich, dass du damit einen Fehler findest. Aber wie viel Zeit willst du dort hinein investieren? Wie viele Korrektorate führst du denn am Ende durch? Meinst du, ein zweites Korrektorat würde nicht noch Fehler finden? Ziemlich sicher würde es das. Ein drittes? Wahrscheinlich findet sich auch damit noch irgendwo ein fieser Fehler. Oder du diskutierst dann ein Kommaproblem, bei dem sich alle nicht einig sind. Macht keinen Sinn? Richtig. Wäre purer Perfektionismus.

Darum – verwende den Zeitstrahl, wenn du willst. Aber achte auf Perfektionsmus. Perfekt ist kein positives Wort. Seven-of-Nine war perfekt. Willst du so sein?

 

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