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Outtake aus Mooyan 3: Kaninchenbau

von Thomas Poppner

Angriff der Schattengnome und Flucht in den Kaninchenbau

Schreiben wir mal den ersten Testbeitrag mit einem Outtake.

Die Flucht in den Kaninchenbau hatte mich immer fasziniert. Und der Satz: "Bedeutet das auf admirälisch, dass mein Plan gut war?" hat mir echt wehgetan, als ich ihn rauswerfen musste.

Die Einsicht kam dann mit einem Kommentar, den ich zwar selbst schrieb, aber der noch einige Tage einwirken musste:

Es wäre zu überlegen, ob nur die Endgeschichte (ohne Kaninchenbau) hiervon übrig gelassen wird. Eigentlich ist dies hier langweiliger Käse.

Dieses ganze Szenario ist zwar ganz nett, war dann aber doch für die Story entbehrlich. Denn Band 3 hatte strukturelle Probleme. Es passierte einfach zu viel. Wenn vieles passiert, ist das eigentlich etwas Positives. Allerdings müssen die Geschehnisse auch eine gewisse Wichtigkeits- und Spannungsstufe übersteigen. Das war hier nicht der Falle.

Wenn jemals Band 3 meiner Fantasystory rauskommt, achte auf die Laubhütte ziemlich am Ende. Dort stand früher einmal dieser Text.

Im Norden Tanuas

Irgendwo an den Nordklippen Tañuas kurz vor den reißenden Wasserfällen des Tandorath schlichen kleine, dunkle Gestalten die Klippen hinab. An den meisten Stellen der Nordküste fielen die Felsen schroff ab und boten der Hand kaum Halt. Doch hier gab es zahlreiche Felsvorsprünge, über die ein Plateau in halber Höhe zu erreichen war, von dem man weiter nach unten gelangen konnte.

Vorsichtig kletterten die kleinen Gestalten hinab – darauf bedacht, kein Geräusch zu verursachen, durch das man auf sie aufmerksam werden könnte. Im fahlen Mondlicht ließen sich einige Gesten erahnen, mit denen sie sich zu verständigen suchten. Behände bewegten sie ihre Körper, sich immer wieder umschauend, innehaltend und Deckung suchend, bevor sie einer nach dem anderen ihre Klettertour fortsetzten.

Bald schon hatten sie das Hochplateau erreicht. Eine der Gestalten beugte sich über den Rand und blickte in die Tiefe. Das Meer schimmerte in der Entfernung.

Ein kurzer Wink, dann teilten sich die Gestalten auf. Einige gingen links, die anderen an der rechten Seite. Offensichtlich suchten sie etwas, beugten sich immer wieder ein Stück über den Rand des Plateaus, bis schließlich einer von ihnen an der vorderen Spitze die Hand hob.

Zügig und doch sachte genug, um kein Geräusch zu verursachen, sammelten sich alle an der linken, vorderen Spitze des Plateaus, wo sie fast mit den Schatten der Nacht zu verschmelzen schienen. Vorsichtig ließen sie sich an den Händen herab. Einer blieb zurück, als ob er Wache halten würde. Den anderen, die nun vorsichtig seitlich unter dem Plateau weitere Felsen hinunterklettern. Die Felsen lagen im Schatten eines Überhangs. Kaum etwas war zu sehen. Und doch wirkten die Gestalten zielstrebig und stiegen weiter hinab.

Einer reckte sich und lugte vorsichtig über eine Felskuppe, dann nickte er seinen Gefährten zu. Ein anderer machte eine Räuberleiter, über welche die anderen die kleine Felsenkuppe erklommen. Kein Mucks war zu hören.

Ein Zeichen mit dem Kopf. Dort hinten … dort hinten glimmte ein heruntergebranntes Feuer. Vorsichtig schlichen sich die Kreaturen heran. Drei Menschen lagen dort – offensichtlich schlafend. Niemand von ihnen hatte es wohl für nötig gehalten, an diesem abgeschiedenen Ort Wache zu stehen. Sie schienen sich sicher zu fühlen.

Zwei Männer waren es und eine hochgewachsene Frau. Eine der Kreaturen zog ein Messer. Die anderen wollten es ihm gerade gleichtun, da …

Ein Schrei.

Etwas traf die das Messer haltende Hand und schleuderte die Klinge irgendwo zwischen die Felsen. Ein unterdrücktes Wimmern erscholl. Die Kreatur hielt sich den Arm.

Geistesgegenwärtig stürzten sich seine Mitstreiter auf die beiden männlichen Gestalten. Es waren Wandûn und Smaìgant. Während der Admiral offenbar wach gelegen hatte und seinen Angreifer mit einem Tritt abwehrte, wurde Wandûn überwältigt und man hielt ihm eine Klinge an die Kehle.

Ein Messer flog durchs Dunkel und traf die am Boden liegende Frau dort, wo das Herz war.

»Shelen!«, rief Wandûn und riss die Augen weit auf. Doch die Klinge an seiner Kehle ließ ihn innehalten.

Drei weitere Gestalten warfen sich auf Smaìgant und schnell hatte auch er ein Messer an der Kehle. »Was tun Sie mit Uns?«, fluchte er. »Sie sagten, Sie seien Unsere Freunde.«

Niemand beachtete Smaìgant. Eine weitere Kreatur ging auf den Körper von Shelen zu, musterte ihn und nickte dann zwei weiteren zu. Umsichtig näherten sie sich Shelens totem Körper. Einer ergriff das Messer in ihrer Brust und zog es mit einem Ruck heraus.

Ein prüfender Blick – ihre Kleidung war nur mit Laub gefüllt. Die düstere Kreatur baute sich vor Wandûn auf. »Wo ist die Wächterin?«

»Sie ist nicht mehr hier«, antwortete Wandûn. »Sie hatte uns geboten, ein Nachtlager aufzuschlagen und war nicht davon abzubringen, uns zu verlassen.«

Der Sprecher der kleinen Kreaturen machte eine Geste, als ob er befahl, Wandûn die Kehle durchzuschneiden. Wandûn spürte, wie das Messer angesetzt wurde. Er riss die Augen auf. Doch statt eines Schmerzes fiel Wandûn das an seiner Kehle angesetzte Messer in den Schoß. Der Angreifer, der ihn eben noch von hinten fixiert hatte – er spürte ihn nicht mehr. Verwirrt blickte er sich um.

Links von ihm fiel klirrend ein weiteres Messer auf den Felsen. Auch Smaìgant war frei. Verwirrt tauschten die beiden Männer einen Blick aus, da erschien Shelen hinter ihnen. Sie hatte nur ihr Untergewand an. Und bevor ihre Angreifer reagieren konnten, hielt sie ihnen etwas Sirrendes entgegen, das sie verschwinden ließ.

»Was war das?«, fragte Smaìgant. »Was hat Sie getan?«

Shelen beachtete ihn nicht und warf sich zu Boden. Sie hatte einen kleinen Sack in der Hand und tastete den Felsen ab. 

Da! Da hatte sie etwas gefunden, tat es ihr Säckchen … noch etwas. Nun eilte sie zu der Stelle, wo eben noch der Angreifer gestanden hatte. Ein paarmal griff sie ins Dunkle. Sonderbares Fluchen war zu vernehmen – ein leises Fluchen. Dann begab sich Shelen dorthin, wo die Strohpuppe lag, legte den Sack vorsichtig ab, fixierte dessen Öffnung mit einem Stein und warf sich ihr Gewand über. Mit dem Finger prüfte sie das Loch, welches die Klinge gerissen hatte. Sie verzog den Mund.

»Was tut Sie da?«, protestierte Smaìgant. »Erkläre Sie Uns das!«

»Ruhig!« Shelen reichte beiden die Hände und half ihnen auf. »Es ist genau das geschehen, was ich vorausgesehen habe.«

»Vorausgesehen? Was hat Sie denn vorausgesehen? Sie sagte Uns keinen Ton.«

Shelen lächelte. »Wir wurden ja auch belauscht.«

»Belauscht? Von wem belauscht?«

»Von diesen Silberzwergen, die uns überwältigen wollten.«

»Und was wollten sie, die Zwerge?«

»Das werden wir jetzt erfahren.« Sie setzte sich und nahm den kleinen Sack zur Hand. In dessen Innerem wuselten sechs kleine Gestalten durcheinander. Shelen griff hinein, nahm eine heraus und verschloss das Säckchen wieder mit einem Stein. Shelen konnte die Gestalt vollständig in der Hand halten, sodass nur der Kopf herausragte.

Shelen verzog den Mund. »Möchtet Ihr mir erklären, warum Ihr mir ein Messer ins Herz rammen wolltet … Freund?«

»Du wirst keinen Erfolg haben!«, erhielt sie zur Antwort.

»Hattet Ihr nicht gesagt, Ihr dientet einem Herrn der Stärke? Dann müsste es Euch doch beeindrucken, wie wir Eure List mit einer Gegenlist vereitelten. Denn Stärke – in einem heimtückischen Angriff, wie Ihr ihn führen wolltet, liegt keinerlei Stärke. Oder was meint Ihr?«

»Du wirst nicht entkommen können, Wächterin aus Vale! Was auch immer du mit uns tust oder getan hast, du wirst nicht entkommen können.«

»Gehört es zur Stärke, leere Drohungen auszusprechen, wenn man überwunden worden ist? Oder ist es das Kläffen eines kleinen Hundes, der einem stärkeren Gegner Angst einflößen will, indem er laut bellt. Indem er so tut, als sei er gefährlich.«

»Hör mich an, Wächterin aus Vale! Ich will mit dir verhandeln.«

»Euer Verhandlungswille wäre für mich glaubwürdiger gewesen, wenn Ihr nicht mit einem Messer auf mich geworfen hättet.«

»Du hast etwas, das für uns von großer Wichtigkeit ist.«

»Selbstverständlich habe ich das.«

»Du weißt, worum es sich handelt?«

»Natürlich weiß ich das. Es ist das Auge von Ÿvras. Und Ihr werdet mir nun helfen, sein Geheimnis zu ergründen!«

»Das bezweifle ich«, sagte der kleine Mann.

Shelen fuhr herum. In diesem Moment sprangen weitere kleine Kreaturen über die Felsenkuppe. Erst zwei, drei … doch schnell waren es mehrere Dutzend.

Shelen blieb ruhig und wartete, bis die kleinen Männer vollzählig waren. »Was wollt Ihr von uns?«, fragte sie schließlich.

Wandûn blickte sich um und verfolgte verstört, wie Dutzende der Silberzwerge sie umringten.

Einer der kleinen Männer trat nach vorne. »Du führst etwas mit dir, das nicht in deinem Besitz sein sollte.«

»So?« Shelen beugte sich herunter. »Wem gehört es denn?«

»Dem Leuchtturmwärter von Ÿvras.«

»Dem Leuchtturmwärter von Ÿvras?«, polterte Smaìgant. »Jeder, der zur See fährt, kennt diesen Leuchtturm. Schon in der Kadettenschule wird er damit vertraut gemacht. Jeder Schiffsjunge in Odar weiß: Der Leuchtturm von Ÿvras hat keinen Wärter. Es gibt dort nur eine Kristallkugel, die Sonnen- und Mondlicht reflektiert.«

Wandûn warf Smaìgant einen verstohlenen Blick zu. »Nicht mehr!«

»Nicht mehr? Was will Er damit sagen?«

»Er will damit sagen«, antwortete einer der kleinen Männer, »dass der Leuchtturm von Ÿvras zerstört wurde.«

»Aha.« Smaìgant hob die Augenbraue. »Wenn der Leuchtturm zerstört wurde … was genau werden wir beschuldigt, mit uns zu führen?«

»Du, Admiral, wirst nicht beschuldigt, etwas mit dir zu führen. Die Wächterin aber stahl die Kristallkugel.«

Smaìgant lachte laut auf. »Die Kristallkugel? Als Wir vor Jahren den Leuchtturm den Ÿvras passierten, trauten Wir Uns wahrlich nicht nah an die Klippen heran. Doch mit dem Fernrohr konnten Wir Uns ein Bild von der Kristallkugel machen. Sie mag locker eine halbe Mannhöhe erreichen – groß sein, wie ein schlachtreifes Schwein. Sage Er Uns: Wie sollten Wir eine solche Kristallkugel mit Uns führen? Wir müssten Sie wie ein Fass vor Uns herrollen.«

Der kleine Mann beachtete ihn nicht, blickte Shelen an. »Die Wächterin weiß Bescheid. Sie hat Magie angewandt. Nicht wahr, Wächterin?«

Shelen zuckte mit den Schultern. »Ich weiß nicht, wovon Ihr redet.«

»Sieh dich um, Wächterin! Du bist umringt. Drei oder vier von uns mögen dir wenig entgegensetzen können. Du hast beeindruckende Kräfte aufzuweisen, aber unserer Übermacht hast du nichts entgegenzustellen. Wirf dein Leben nicht weg und schließe dich uns an.«

Shelen lächelte. »Ihr sagtet, dass Ihr einem Herrn der Stärke folgt?«

»Das ist richtig, Wächterin. Wenn du es allerdings als Stärke ansiehst, einen aussichtslosen Kampf zu kämpfen, so lass dir sagen: Keinerlei Ehre liegt darin.«

Wandûn warf Smaìgant einen verstohlenen Blick zu. Doch Shelen ließ sich ganz unbekümmert hinuntersinken, überschlug die Beine zum Schneidersitz und bedeutete ihrem Gegenüber, es ihr gleichzutun.

Der kleine, dunkle Zwerg blickte sich verstört um. Dann nahm er zwei Schritte vor Shelen Platz.

»Wenn ich Euch richtig verstehe«, begann Shelen, »so seid weder Ihr noch wir an einem Kampf interessiert.«

Die Kreatur nickte. »Ja, das ist richtig.«

»Vielleicht möchtet Ihr mir etwas erklären zu dem Artefakt, das Ihr begehrt.«

»Welche Erklärung wünschst du?«

»Ich würde gerne verstehen, warum mich der Herr der Stärke bestehlen möchte.«

»Niemand will dich bestehen! Du führst etwas mit dir, das nicht dir gehört.«

»Nehmen wir an, ich würde etwas mit mir führen, das ich gefunden habe.«

»Du hast nichts gefunden! Du hast den Leuchtturm von Ÿvras in Brand gesteckt.«

»Ich habe die Toten ehren wollen.«

»Die Körper der Toten sind im Reich der Lebenden ohne Belang.«

»Die Körper der Gefallenen sind von den Lebenden zu ehren. Denn die Gefallenen haben ihr Leben für die Lebenden gegeben.«

»Das mag sein, doch diese Ehrung wird ihnen egal sein, weil sie keinen Anteil mehr daran nehmen können.«

»Aber die Lebenden werden Anteil daran nehmen. Es ist wichtig, die Toten nicht zu vergessen und sie nicht den Tieren des Waldes hinzugeben, die sie zerreißen und zerfleischen.«

»Gut.« Der kleine Mann hob zugestehend die Hände. »Es sind deine Riten nicht meine. Es steht mir nicht an, zu urteilen, wie du deine Zeit vergeuden möchtest, Wächterin.«

»Da bin ich aber froh«, erwiderte Shelen.

»Das Auge von Ÿvras musst du allerdings herausgeben.«

Shelen lächelte. »Nicht bevor Ihr mich nicht umfassend über den Zweck dieses Artefakts in Kenntnis gesetzt habt.«

»Du hast noch nicht verstanden – Wächterin aus Vale! –, dass wir in der Überzahl sind.«

Shelen erhob sich, winkte Smaìgant und Wandûn zu sich heran und senkte unheilvoll die Augenbrauen auf ihr Gegenüber. »Ihr habt noch nicht verstanden, wen Ihr vor Euch habt.« Sie griff in ihr Gewand.

Der Zwerg vor ihr hob den Arm. »Sobald ich meine Hand sinken lasse, werden diese hier um mich herum dich überwältigen, Shelen aus Vale. Und deine Begleiter ebenfalls.«

Wandûn tauschte einen verschämten Blick mit Smaìgant aus.

Shelen zog etwas aus ihrem Gewand. »Sobald ich dieses Artefakt in Gang setze, werdet Ihr so klein sein, wie meine Handfläche, Zwerg!«

Der Zwerg blickte sich um, als wolle er sich der Aufmerksamkeit seiner Gefährten vergewissern. Drei bis vier Dutzend von ihnen hatten Shelen, Wandûn und Smaìgant eingekreist und schienen bereit, sofort loszuschlagen. Überlegen wandte der Zwerg seinen Blick wieder Shelen zu. »Du wirst vielleicht ein paar von uns verkleinern können, aber niemals uns alle.«

»Ihr genügt mir«, zischte Shelen, woraufhin Sasistans Gerät zu sirren begann. Augenblicklich schrumpfte der Zwerg in sich zusammen. Seine Freunde schrien auf und sprangen auf Shelen zu. Aber die richtete ihr Gerät gegen sich selbst und verschwand, bevor man sie zu fassen kriegen konnte.

Im Norden Tanuas

Einige Dutzend düsterer Kreaturen versammelten sich um einen ihrer Kumpane. Dessen Hals war abgeknickt wie ein zertretener Grashalm, die Beine steckten im Erdboden und sein Oberkörper war verdreht und entstellt, wie von einem Vogeljungen, das aus dem Nest gefallen war. Ratlos debattierten sie, was geschehen war. Dann ließen sie den toten Körper zurück und suchten den Boden ab.

Zwei Fuß tiefer und nur wenige Schritte entfernt bahnten sich drei wichtelgroße Menschen ihren Weg durch eine finstere Höhle. König Wandûn verzog den Mund wegen des modrigen Geruchs. Shelen kämpfte gegen Wurzeln, die sich in ihren Beinen verfingen. Und als Admiral Smaìgant schließlich auf dem unebenen Boden einen Fehltritt machte und sich den Fuß verstauchte, ließ er seinem Ärger freien Lauf.

»Das war keine gute Idee!«

»Natürlich war das eine gute Idee!«, erwiderte Shelen nicht minder direkt.

»Wir können nichts sehen!«

»Ich kann auch nichts sehen«, zischte Shelen. »Ihr müsst Euch eben vorwärts tasten. Sagtet Ihr nicht, Ihr wärt ein Admiral.«

»Bisher führten Wir unsere Schlachten nicht bei völliger Dunkelheit.«

»Ahaaa!«, stieß Shelen plötzlich aus, gefolgt von einem freudigen Lachen.

»Was soll das heißen«, polterte der Admiral. »Will Sie sich in dieser finsteren Höhle in Übermut ergehen?«

Unerwartet erfüllte ein bläulicher Lichtschein die Höhle. Wandûns Augen brannten von der plötzlichen Erleuchtung. Er riss die Hände vors Gesicht. Der Admiral blinzelte nur streng und suchte den Ursprung des Lichts. Shelen hielt es in der Hand.

Smaìgant senkte die Augenbrauen. »Das ist … das ist …«

»Ein Lichtstein ist das«, erwiderte Shelen.

Wandûn schüttelte ungläubig den Kopf. »Wie seid Ihr in den Besitz dieses Steins gekommen.«

Shelen zuckte mit den Schultern. »Euch hat der Felsentroll damals in der Wand gesagt, dass Ihr Euch hierher nach Tañua verbringen lassen sollt. Mir gab er anderen Anweisungen, welche ich zunächst nicht verstand. Er sagte, ich würde die Tandes verlassen und ich müsse ein Licht stehlen.«

»Ein Licht stehlen?«, knurrte der Admiral. »Und aufgrund dieser Aussage hat Sie dieses Artefakt an sich genommen?«

»Glaubt nicht, dass dieser Schluss für mich nahelag. Ich musste eine Weile darüber nachsinnen, was gemeint sein konnte.«

Tadelnd erhob der Admiral seinen Zeigefinger. »Sie hätte Uns in Ihren Plan mit dem Verkleinerungsgerät einweihen müssen.«

»Dann hätten Eure Augen ihn möglicherweise verraten.«

»Wir sind ein Admiral der königlichen Flotte. Niemand liest einen Plan an Unseren Augen ab!«

»Ich bin ein König«, mischte sich Wandûn ein. »Und auch in Arkana haben wir Admiräle der königlichen Flotte.«

»Wenn deren Ausbildung so exzellent ist wie die im Land der drei Berge, so wird man auch Arkanas Admirälen keine Pläne von den Augen ablesen können.«

»Das wird man sicher nicht, Admiral Smaìgant«, antwortete Wandûn.

»Aber …?«

»Aber ich bin nur ein König. Wie schon richtig bemerkt wurde, bin ich nicht sonderlich kriegserfahren.«

»Er will sagen, dass der Feind durch Seinen Blick hätte gewarnt werden können?!«

Shelen lächelte. »Ja, das will er sagen.«

Smaìgant verzog den Mund. »Schön.« Er atmete tief und blickte zu Boden. Dann sah er auf. »Sie hat zu Unserer Rettung beigetragen.«

Shelen legte den Kopf schräg. »Bedeutet das auf admirälisch, dass mein Plan gut war?«

»Jawoll! Sie hat Uns eine Verschnaufpause verschafft. Doch während wir uns Plaudereien hingeben, wird der Feind uns aufspüren. Vielleicht werden die Zwerge eine Schlange in diesen Bau einführen.«

»Der Feind wird uns nicht folgen«, sagte Wandûn.

»Warum das?«, knurrte der Admiral.

»Weil Ihr etwas zu beherzt in diesen Bau hineingelaufen seid.«

»Was will Er damit sagen?«

Shelen lächelte müde.

Wandûn erklärte mit ausladenden Gesten. »Ihr bekamt noch mit, dass Shelen den Zwergenanführer verkleinerte?«

»Das bekamen Wir mit.«

»Ihr bekamt ebenfalls mit, dass sie danach sich und uns verkleinerte?«

»Auch das bekamen wir mit, bevor Wir als Speerspitze in diesen Kaninchenbau hineinstürmten.«

»Dann bekamt Ihr wohl nicht mehr mit, dass der verkleinerte Zwerg uns folgen wollte.«

»Um so schlimmer. Er wird uns auflauern.«

»Das wird er nicht.«

»Selbstverständlich wird er das.«

»Nein, das wird er nicht.«

Der Admiral wollte gerade zurückkeifen, da traf ihn Shelens süffisanter Blick und seine Augen erfassten das Gerät, welches sie ihm entgegenhielt.

»Sie …? Sie hat …«

»Richtig.« Wandûn lachte. »Sie hat diesen Zwerg einfach …«

Der Admiral hob beide Hände und schnitt Wandûn das Wort ab. »Will Er sagen: Dieser Silberzwerg, der uns folgte. Sie hat ihn wieder vergrößert und mit dessen Körper diesen Kaninchenbau blockiert?«

»Das will Er sagen«, flachste Wandûn.

Der Admiral holte Luft und besann sich einen Moment. Dann blickte er zu Shelen. »Das hat Sie gut gemacht. Der Zwerg wird das allerdings kaum überlebt haben.«

Shelen zuckte mit den Schultern. »Wir sind im Krieg.«

Smaìgant nickte. »In diesem Bau werden wir aber nicht bleiben können. Sonst könnten wir einem Marder zum Opfer fallen.«


Der Kaninchenbau hätte leicht zu einer Falle werden können, denn die düsteren Zwerge hatten sich mit der Flucht von Shelen, König Wandûn und Admiral Smaìgant nicht abfinden wollen. Akribisch hatten sie nach Löchern in der Umgebung gesucht, um ihnen dort aufzulauern.

Doch die drei hatten Glück, denn der Bau führte zu einer unterirdischen Grotte. Eigentlich war es mehr ein Hohlraum zwischen den Felsen, der aber in verkleinertem Zustand wie eine Art Tropfsteinhöhle wirkte.

Shelen verzog den Mund, als sie in eine kleine Pfütze trat. Der Geruch von feuchtem Stein und fauligen Pflanzen hing in der Luft und das schummerige Licht von Shelens Artefakt gab der Höhle eine unheimliche Enge. Wandûn war es manchmal so, als wollten sich die Wände um ihn herum langsam zusammenziehen, um ihn zu zerquetschen. Der Boden war rutschig und bedeckt von einer Mischung aus Pilzen und sonderbarem Moos, wobei Moos für sie groß wie Salatköpfe hätte sein müssen. Smaìgant vermutete daher, dass eine Art von glitschigen Algen Wände und Boden befallen hatte.


Zwei lange Tage waren die drei nun durch düstere Höhlen geirrt, die sich immer weiter verzweigten und tiefer in die Felsen führten.

Bei jedem Rascheln fragten sie sich, ob es von einem Nagetier oder einer Schlange käme – oder einem Frettchen. Dann endlich mündeten die schmalen Gänge in einer geräumigen Grotte.

Shelens Gesicht hellte sich auf, als sich ein Sonnenstrahl am Höhleneingang abzeichnete. Als sie die Höhle verlassen hatten, setzte sich Wandûn auf einen Stein, schloss die Augen und hielt lächelnd sein Gesicht der Sonne entgegen. Der Admiral wollte ihn schon zur Ordnung rufen, doch Shelen bedeutete ihm mit einem leichten Kopfschütteln, dass er ihm diesen Moment der Ruhe gönnen sollte. 

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