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Outtake Mafia: Das alte Ende mit Louisa Lengfeld (leider schlechte Textqualität)

von Thomas Poppner

Als ich diesen Text rauswerfen musste, bin ich fast gestorben. Leider hat der Text eine sehr schlechte Qualität, denn er ist schon sehr alt. Es ist das ehemalige Ende meines Krimis. Trotzdem ist der Text für mich etwas Besonderes. Ich habe viel gelacht, als ich ihn damals erstellt habe und ich hatte schlaflose Nächte, als mir klar wurde, dass er so nicht funktionieren wird.

Meine Mafiageschichte – das ist meine Arbeitsbezeichnung für diesen Krimi – sollte eigentlich offen enden. Nico sollte bis zum Ende des Buches wundersame Aufnahmeriten des Gangsterbosses durchlaufen. Im letzten Kapitel sollte er dann aufgenommen werden. Und der Gangsterboss – der sollte am Ende des Buches auf einer Straße in die Dunkelheit verschwinden. Es kam dann anders.

Zum einen heißt Nico in diesem Text noch Alex. Aber die beiden X in Alex und Max führten dazu, dass ich diese beiden Namen immer wieder verwechselte.

Zum Zweiten hieß das Auge noch "Pap". Fragt mich nicht, was ich mir dabei dachte. Ich dachte dabei an irgendso einen Mafia-Vater. War sicher eine gute Idee, ihn später in "das Auge" umzunennen.

Und schließlich musste dieser Gangsterboss irgendwie gefangen werden. Da das nicht von Anfang an so geplant war, musste also eine Lösung her, wie man diesen Typen austrickst. Leider reichte dazu meine Fantasie nicht aus. Der Scheißkerl war klüger als ich :)

So entstand in einer schlafllosen Nacht nach einem Fernsehbericht über Cyborgs die Idee, er könnte sein Gehirn mit einem Chip aufgewertet und einen Virus draufgespielt haben. Erst als der zweite Textleser mir schrieb, dass er die Story mag, aber das Cyborg-Ende unrealistisch ist, musste ich handeln.

Schade ist es um Louisa Lengfeld. Die war wirklich krass und sollte eines Tages einen eigenen Band bekommen, wo sie mit Mario und dem Gangsterboss, der damals noch Hendrik hieß, mit Technik im eigenen Körper herumprobieren.

Berücksichtigt bitte, dass der Text sehr alt ist und sicher nicht mehr für meinen heutigen Stil steht. Der Text ist für Leute, die die Geschichte kennen und sich vielleicht noch ein wenig Bonusmaterial dazu reinziehen wollen.

Er ist auch noch im Präsens geschrieben. In dieser Zeitform stand die erste Version der Geschichte.

Viel Spaß.


 

Mario versteht die Lage

Alle rätselten herum, was zu tun ist, bis Mario plötzlich eine Idee hat …

Kurz darauf stehen alle um Mario herum, der wundersame Programme aufruft und kryptische Dinge tippt.

»SCHEISSE«, ruft Mario plötzlich. »ICH BIN ABGEKLEMMT!«

»Was tippst du da für einen Unsinn, Mario?«, fragt Max. 

Mario beachtet ihn nicht: »Wir brauchen Louisa!«

»Lisa? Was ist mit Lisa?«

»Nicht Lisa! Lou-i-sa! Wir brauchen Louisa!«, erwidert Mario und beginnt wieder zu tippen.

Freitag, 4. Juli

Trois schreckt auf und zeigt auf den Horizont: »Là bas, quelqu'un vient!«

»Merde!«, flucht Deux leise. Sofort springen Bernd und die Franzosen in die Büsche.

Langsam nähern sich zwei Schatten.

»Ah, hallo Mario«, ruft Pia in den Wald. Bernd schaut gestresst aus seinem Versteck. »Ich geb auf«, sagt er und winkt seinen französischen Kumpels, herauszukommen.

Zwei hagere Gestalten stampfen ungelenk auf den Bunkereingang zu. 

»Hallo Mario?«, sagt Bernd mit einem hörbaren Fragezeichen in der Stimme. »Hi Bernd«, antwortet Mario und wendet sich an die Gruppe. 

»Leute, das hier ist LL.«

Marios Begleitung verdreht die Augen: »Ich bin Louisa!«

Dann zeigt sie auf Pias Beine: »Deine Kleidung ist beschädigt.« Pia sieht perplex an sich herunter, bis ihr Lisa ins Ohr flüstert: »Sie meint deine Jeans.« Pia mustert Louisa und sagt: »Das gehört so!«

»Die Erde ist ein Würfel«, erwidert Louisa emotionslos.

Während Pia und Lisa sich fragend ansehen, gestikuliert Mario ausladend: »Sie will sagen, dass sie deine Antwort unlogisch fand.«

»Sie muss auch nicht logisch sein«, sagt Pia schnippisch.

»Kein Hirn – keine Kopfschmerzen«, wertet Louisa.

Mario schnappt nach Luft, doch bevor er übersetzen kann, unterbricht ihn Louisa: »Ich brauche Zugang.«

Kurz darauf sitzen sich die beiden mit zwei Laptops gegenüber die sie über ihr Smartphone mit dem Internet verbunden haben. Sie keifen sich gegenseitig an. 

Eine Stunde später …

»Was machen die da?«, fragt Bernd.

»Keine Ahnung«, antwortet Pia.

»Computerspielen …?«, mutmaßt Lisa.

Die beiden tippen auf ihren Rechnern und werfen sich Kombinationen von Zahlen und griechischen Buchstaben an den Kopf.

»Jetzt hast du’s!«, schimpft Mario.

»Honk!«, antwortet Louisa.

»Aber ich bin drin!«

»Du bist gescheitert.«

»Warum?«

»Keine Arme – keine Kekse!«

»Du meinst, ich komme da nicht weiter?«

»Exakt.«

»Aber ich bin doch drin!«, empört sich Mario.

»Honeypot«, erwidert Louisa.

»Scheiße.«

Tim schüttelt mit dem Kopf. »Was ist mit Honig?«, fragt er.

Mario lässt sich kurz ablenken. »Ein Honeypot ist eine Falle.«

»Falle?«

»Programmierer bauen manchmal eine Honigfalle in ein Programm ein. Wenn ein Hacker darauf trifft, denkt er, er sei dort, wo er hinwill.«

»Am Honig?!«, schließt Tim.

»Richtig. Er ist aber lediglich in eine Falle gelaufen, die so aussieht, als sei man am Honig. Aber der Programmierer weiß nun, dass jemand ins System eindringen will.«

»Krass«, sagt Lisa.

»Wenn der Tod kommt, ist Sense«, postuliert Louisa und stiert weiter verbissen in ihren Laptop.

»Louisa will sagen: wir haben Zeitdruck«, erklärt Mario und wendet sich wieder seinem Rechner zu.

Wieder beschimpfen sich beide. Dann plötzlich:

Klack.

Klack.

Beide Bildschirme werden schwarz.

»SCHEISSE«, ruft Mario.

Louisa steht auf und nimmt Mario seinen Laptop aus der Hand. »Wer Männer versteht, kann auch durch null teilen«, sagt sie. »Wo ist Saft?«

»Unten«, Mario zeigt auf den Eingang.

Genervt betritt Louisa mit beiden Laptops den Bunker.

Mario atmet tief aus.


Vorsichtig trauen sich die anderen wieder an ihn heran. »Was macht sie?«, fragt Bernd. 

»Sie setzt die Rechner neu auf«, antwortet Mario.

»Sind sie kaputt?«

»Etwas hat uns das System zerschossen.«

»Was ist das für ein Girl?«, fragt Pia.

»Das ist kein Girl«, lacht Mario. »Das ist LL!«

»LL?«. 

»Louisa Lengfeld – eine eigene Rasse Mensch.«

»Genau mein Eindruck«, raunt Pia.

»Was habt ihr gemacht?«, fragt Bernd. »Ich hab nur Bahnhof verstanden.«

»Ich auch«, sagt Tim. 

Mario atmet aus. »Wir waren mal so etwas wie befreundet, Louisa, Ti und ich.« 

»Ti? Wer ist Ti?«, fragt Bernd.

»Torben heißt er, glaube ich. Wir nannten ihn Ti. Sonst weiß ich nichts von ihm. Außer, dass er ein echt krasser Programmierer und eine sonstige Null war. Wir haben immer über ihn gelacht, Louisa und ich.«

»Louisa und du?«

»Klar, wir waren damals zusammen.«

»Du und Louisa?«, fragt Pia ungläubig.

Mario lacht. »Naja, es war keine Liebe. Wir taten uns damals zusammen, um unsere Sexualität ›live‹ auszutesten. In unseren Kreisen gabs sonst nur Cybersex.«

Später …

»Mario hatte Sex mit der!«, raunt Lisa Pia zu.

Pia flüstert zurück. »Ich dachte bis heute, er sei noch Jungfrau.«

»Ich auch«, sagt Lisa.

Beide lachen schmutzig. Plötzlich schrecken sie auf.

»Auch die schönsten Beine sind irgendwo zu Ende«, zischt Louisa im Vorbeigehen, die offensichtlich die Unterhaltung mitbekommen hat.

Lisa und Pia sehen ihr nach. »Was wollte sie damit sagen?«, flüstert Lisa.

»Keine Ahnung«, antwortet Pia.

»Ich dachte, du seist auch ein Trekkie«, sagt Lisa.

»Aber nicht so!«, erwidert Pia.


»Ist heute ein besonderer Tag oder bist du immer so blöd?«, fragt Louisa und hält Mario seinen Rechner unter die Nase.

Mario atmet genervt aus. »Also, was hab ich falsch gemacht?«

»Auf deinem Rechner ist Malware.«

»Malware?«, fragt Lisa.

»Ein Virus!«, antwortet Mario. »Wie kommt der da drauf?«

»Wie kommt das Betreten-Verboten-Schild auf den Rasen?«, erwidert Louisa.

»Betreten-Verboten-Schild?«, fragt Bernd.

»Sie meint, wir sollen keine überflüssigen Fragen stellen«, erklärt Mario.

»Wenn der Tod kommt, ist Sense«, lacht Tim.

»Exakt«, bestätigt Louisa. »Ich hab die Files …«

Mario springt auf: »Du hast sie nicht gelöscht?«

»Nein«, antwortet Louisa, »in die Sandbox verschoben.«

»Puh!«

»Sandbox? Sandkasten?«, fragt Tim.

Mario holt Luft: »Sie lässt die schädlichen Dateien in einem virtuellen Sandkasten laufen. Da können sie nichts kaputt machen und wir sehen, was sie tun.«

»Krass«, sagt Lisa. 

Später …

»Jetzt sitzen sie schon über eine Stunde da und beleidigen sich unentwegt«, sagt Bernd.

»Und ich verstehe keinen Ton von dem, was sie sagen«, antwortet Max.

»Krass«, sagt Lisa. »Ich dachte, ich sei die Einzige, die keine Ahnung hat, was die machen.«

»Bist du nicht«, bestätigt auch Pia.

»Bitte das Bällchenbad auflösen«, ruft Louisa.

»Bällchenbad?«, fragt Lisa.

Während Louisa weiter angestrengt in ihren Rechner stiert, dreht sich Mario um: »Könnt ihr uns etwas in Ruhe lassen? Wir müssen uns konzentrieren.«

Am nächsten Morgen …

Bernd zwängt sich aus dem oberen Bunkereingang, um seine morgendliche Joggingrunde zu drehen. Normalerweise ist er der Erste, der um diese Zeit wach ist. Aber heute sitzt Mario bereits vor seinem Rechner und schaut verträumt in den Himmel.

»Morgen Mario!«

»Moin Bernd!«

»Und? Alles frisch? Wo ist Louisa?«

Mario winkt ab. 

»Verstehe schon«, sagt Bernd.


Zwei Stunden später sitzen alle zusammen im Kreis und frühstücken. Nur Louisa ist noch unten. Tim schmunzelt schon eine ganze Weile in sich hinein, bis es schließlich aus ihm herausplatzt: »Interessante Freunde hast du«, lacht er Mario zu, der geistesabwesend sein Brötchen kaut.

Langsam hebt Mario den Kopf und sieht Tim genervt an.

»Lass ihn«, sagt Lukas.

Bernd greift ein: »Was habt ihr denn gestern herausbekommen?«

»Wir haben uns gestritten«, antwortet Mario.

»Erzähl mir was Neues!«, sagt Pia. »Worum ging’s?«

»In den Daten der Villa fanden wir einige Zugangsdaten. Wir hatten gehofft, wir könnten uns bei Ti ins System einbrechen. War aber eigentlich klar, dass man das knicken kann.«

»Könnt ihr nicht einfach sein iPhone hacken«, fragt Lisa. »So, wie ihr das damals bei diesen beiden Typen gemacht habt?«

»Ti hat kein iPhone«, krächzt Louisa, die plötzlich aus dem Nichts auftaucht. Mario schaut frustriert auf: »Außerdem hatten wir damals das Telefon dieser Gangster in der Hand. Das von Ti haben wir nicht.«

Eben zeigte Lisas Gesicht noch ein Fragezeichen. Nun sind es zwei: »Und warum soll er kein iPhone haben?«

»Weil das geschlossene iOS-System den Ansprüchen von Ti zuwiderläuft!«, entgegnet Louisa kalt.

Plopp – da erscheint das dritte Fragezeichen in Lisas Gesicht: »Wie? – geschlossenes System?«

»Na, das von Apple«, antwortet Louisa verständnislos. Mario greift ein: »Ti würde niemals ein Appleprodukt anfassen, weil ihm das System zu abgeschottet ist. Bastler wie er verwenden einen selbst zusammengeschraubten Linuxrechner.«

»Aber ein selbst zusammengebautes Handy gibt’s noch nicht, oder?«, fragt Lisa. Nun mischt sich auch Max ein: »Nein, aber den Gedanken kann man schon mal zu Ende denken, finde ich. Dieser Ti würde also kein iPhone verwenden, weil ihm dessen Betriebssystem nicht offen genug ist. Er würde wahrscheinlich auch kein Windows-Phone verwenden, weil Freaks nicht auf Windows stehen. Also hat er mit größter Wahrscheinlichkeit ein Android-Phone.«

»Richtig«, bestätigt Mario und führt einen Gedanken fort: »Und nun müssten wir eine aktuelle Sicherheitslücke bei Android kennen.«

»Kennen wir«, schießt Louisa hervor: »PNG-Buffer-Overflow«

»Ein Pufferüberlauf bei PNG-Dateien – bei Bildern?«, fragt Mario, »warum hab ich davon nichts mitbekommen?«

»Weil du seit einiger Zeit hier im Bunker sitzt?!«, argwöhnt Louisa. »Gestern ging die Sache durchs Netz: PNG-Buffer-Overflow bei Firefox auf Android.«

»Stellt sich die Frage, ob Ti Firefox verwenden würde«, sagt Mario.

»Was denn sonst«, erwidert Louisa. »Du glaubst doch nicht, dass er Google-Chrome nimmt – alles andere fällt aus.«

Bernd ist genervt. »Kann uns jemand aufklären, was ihr hier diskutiert. Ich verstehe weniger als Bahnhof.«

Louisa winkt ab: »Keine Arme – keine Kekse!« 

Mario holt tief Luft und beginnt.

»Ein Buffer-Overflow – zu Deutsch: Pufferüberlauf – ist ein sehr gemeiner Fehler, der aus schlampiger Programmierung resultiert und es erlaubt, ein Programm in einem fremden Rechner einzuschleusen.«

»Schlampige Programmierung?«, fragt Pia.

»Jeder Programmierer arbeitet auch mal schlampig«, ätzt Louisa. 

»Ich erkläre es euch«, sagt Mario. Programmiersprachen wie zum Beispiel C sind sehr auf Geschwindigkeit hin ausgerichtet. Das heißt, sie prüfen wenig, weil das Zeit benötigen würde. Diese Prüfungstätigkeit überlassen sie dem Programmierer. Der muss wissen, ob er zum Beispiel bei einer Office-Anwendung viele Benutzereingaben verifizieren muss, damit alles stabil läuft. Oder ob er bei einem 3-D-Spiel Geschwindigkeit braucht und im Idealfall mit korrekten Daten rechnet, sodass die Prüfung entfallen kann.«

»Aha«, sagt Lisa. »Und das heißt?«

»Stell dir vor, du erstellst ein Eingabefeld, in das jemand seinen Namen eingeben soll. Im Programm musst du definieren, wie viele Zeichen höchstens eingegeben werden können. Nehmen wir an, du kannst dir nicht vorstellen, dass jemand einen Nachnamen mit mehr als 20 Zeichen hat und begrenzt daher die Eingabe auf diese Anzahl.«

»Ja, und?«, fragt Lisa weiter.

»Dann kommt Frau Leutheusser-Schnarrenberger. Wenn sie ihren Namen in dein Eingabefeld eingibt, wird ihn das Betriebssystem zunächst in einem Zwischenspeicher schreiben – einen sogenannten Puffer.«

»Und?«

»Und die Größe dieses Puffers hast du vorher auf 20 Zeichen beschränkt.«

»Und?«

»Wohin mit den überschüssigen Zeichen? Leutheusser-Schnarrenberger ist länger.«

»Keine Ahnung«, sagt Lisa. »Werden die nicht abgeschnitten?«

»Nein, eben nicht, wenn es der Programmierer nicht explizit abprüft. Und genau das wird dann ein Pufferüberlauf.«

»Ich verstehe immer noch nicht, was daran so problematisch sein soll«, sagt Bernd.

»Das ist ganz einfach. Die über zwanzig Zeichen hinausragenden Buchstaben des Namens ›Leutheusser-Schnarrenberger‹ würden einfach in den auf den definierten Puffer folgenden Speicherzellen abgelegt werden. Und was dort steht, weiß erst mal keiner. Es könnte freier Speicher sein. Aber auch Texte oder Bilder …«

»… oder Programmcode«, unterbricht Louisa. »Und dann … hast du ein echtes Problem!«

»Genau«, übernimmt Mario wieder das Gespräch, »dann führt nämlich jemand Programmcode auf deinem Computer aus, ohne dass du es bemerkst und ohne dass du auch nur das Geringste dagegen machen kannst.«

Max fährt sich über das Kinn: »Und so eine Lücke habt ihr gefunden?«

»Gefunden hat sie jemand anderes«, sagt Mario, »aber wir wissen davon.«

»Und warum wird sie nicht gefixt?«, fragt Max. »Sie wird gefixt, sogar sehr bald. Vielleicht gerade jetzt im Moment. Darum haben wir Zeitdruck. Wir müssen sie vorher ausnutzen.«

»Aber was hat diese Lücke mit PNG-Grafiken zu tun?«

»Die Lücke hängt mit PNG-Grafike zusammen. Eine PNG-Grafik teilt dem Anzeigeprogramm zunächst einmal mit, wie groß sie ist. Und genau hier ist die Schwachstelle, wenn sie sagt, sie wäre kleiner, als sie eigentlich ist. Der Programmierer hat geschlafen und prüft nicht, ob das, was die Datei über sich selbst sagt, auch der Wirklichkeit entspricht. Also definiert er den Puffer zu klein und der der überragende Teil der Bilddatei wird in einem Speicherbereich abgelegt, der regelmäßig vom System angesprungen wird. Oder auf Deutsch: Wenn du eine so manipulierte PNG-Datei erhältst und sie ansehen möchtest, wird sofort ein Virus ausgeführt, ohne dass du auch nur die geringste Chance hast einzugreifen.«

»Und zum Ansehen«, belehrt Louisa, »genügt es bereits, wenn du sie mit deinem Internetbrowser aufrufst.«

Eine Stunde später …

Mario hat sich warmgeredet. Er berichtet lässig über seine Karriere als Hacker, den Unterschied zwischen Crackern und Hackern und darüber, wie hilflos viele Leute ihrem Computer gegenüberstehen. Plötzlich sieht sich Bernd um: »Wo ist Louisa eigentlich?«,

»Keine Ahnung«, antwortet Mario, »wahrscheinlich pennt sie wieder. Sie ist ein Nachtmensch.«

»Nein«, sagt Lukas. »Ich war gerade auf dem Klo. Unten ist niemand.«

Mario schreckt hoch: »Niemand mehr?« Im gleichen Moment klingelt Lisas Handy. Das Display zeigt: »Unbekannter Anrufer.«

Sie nimmt ab: »Hallo!«

Eine Stimme krächzt ihr in Ohr: »Ich benötige deine Unterstützung!«

»Louisa?«, fragt Lisa überrascht.

»Komm sofort zur Polizeiwache Mitte.«

Knack Louisa hat aufgelegt. Ratlos sieht Lisa ihr Telefon an.

»Was los, Lisa«, fragt Mario.

»Louisa ist bei der Polizeiwache Mitte.«

»OH, SCHEISSE«, flucht Mario und springt auf.

Eine halbe Stunde später …

»Dieses Individuum hier präsentiert sich sehr unkooperativ«, begrüßt Louisa Mario und Lisa, als sie ins Büro von Kommissar Brunn eintreten. Louisa zeigt auf den Kommissar: »Würdest du ihm bitte verständlich machen, dass seine Mitarbeit erforderlich ist.

Kommissar Brunn trommelt mit den Fingern auf dem Tisch herum und schielt genervt an die Decke. Dann wirft er Lisa einen eindeutigen Blick zu. »Ihre Freundin hier scheint Hellseherin zu sein«, sagt er.

»Was hast du wieder ausgefressen?«, fragt Mario.

»Warum Hellseherin?«, fragt Lisa.

»Ich habe versucht, ihm zu verdeutlichen, dass wir unter Zeitdruck stehen«, sagt Louisa. 

»Ihre Freundin plant, demnächst ein Programm zu schreiben, mit dem sie diesen Mafiaboss aufzuspüren gedenkt. Ich wurde gebeten, schon einmal das SEK antreten zu lassen«, erklärt Kommissar Brunn.

»Sie wurden gebeten, Vorkehrungen zu treffen, um einen schnellen Zugriff zu ermöglichen«, empört sich Louisa.

Mario erschrickt: »Du hast ihm von unserem Plan erzählt?«

»Wissen Sie etwas darüber?«, fragt der Kommissar müde.

»Ja, äh, nein, äh, doch, äh …«

»… Reicht schon, danke«, unterbricht Kommissar Brunn und steht auf. »Passen Sie auf. Ich habe viel zu tun. Ich schlage vor, Sie gehen jetzt alle nach Hause. Und wenn Sie den Gangsterboss aufgespürt haben, schauen Sie einfach wieder rein. Dann fahren wir im Polizeiwagen mit Blaulicht. Das wird Ihnen gefallen.«

Vorsichtig schiebt er alle vor die Tür seines Büros.

Noch eine halbe Stunde später …

»Willst du uns mal erklären, was das sollte«, fragt Bernd.

»Wenn wir ihn lokalisiert haben, muss alles ganz schnell gehen«, antwortet Louisa.

»Prima, Louisa. Und wie genau willst du ihn lokalisieren?«, fragt Mario.

 »Du brauchst eine E-Mail von ihm. Musst ihm also das manipulierte Bild schicken.«

»Oder telefonisch«, erwidert Louisa.

Mario streicht sich über die Stirn: »Telefonisch …?«

»Du hattest Kontakt mit ihm«, sagt Louisa zu Alex.

»Ja …!«, antwortet der unsicher.

»Dann wirst du ihm einen Link schicken, über den er das Bild herunterlädt!«

»Bild?«

Mario hebt die Hand. »Mach mal langsam Louisa. Lass uns die Leute hier mitnehmen.« Er erhebt sich und beginnt mit ausladenden Gesten: »Nach momentanem Stand der Dinge hat Ti sich abgeschottet und ist nur von Vertrauten ansprechbar. Das heißt, man kommt nicht an ihn heran.«

»Richtig«, bestätigt Louisa.

»Wir müssen ihn dazu bringen, dass er ein Bild aufruft, das wir präpariert haben. Das könnte man ihm per E-Mail schicken oder ihn auf eine Website schicken, auf der es angezeigt wird.«

»Und wie willst du das anstellen?«, fragt Max.

»Über ihn«, antwortet Louisa und zeigt auf Alex.

»ÜBER MICH?« – Alex wirkt verblüfft. »Wie soll das denn gehen?«

»Du hattest Kontakt mit ihm über dein Telefon!«

»Und?«

»Also können wir ihn über dich erreichen.«

Mario mischt sich ein. »Du musst dir einfach eine Geschichte ausdenken und ihm entweder dazu kriegen, dass du ihm eine E-Mail schicken kannst oder dass er sich eine Webseite ansieht.«

Alex schüttelt mit dem Kopf. »Du glaubst wirklich, dass euer Freund das Auge ist.«

»Ohne Zweifel«, sagt Louisa.

»Du hast ihn doch gar nicht selbst gehört«, sagt Alex.

»Tis Art ist einmalig. Wenn Mario ihn erkannt hat, habe ich daran keine Zweifel. Auch alle Umstände sprechen dafür.«

»Ich kann diesen Boss aber nicht einfach anrufen. Ich habe keine Nummer von ihm.«

»Und wie hast du ihn bisher erreicht?«, fragt Mario.

»Ihr habt es doch mitbekommen: Ich schreibe eine SMS an eine Nummer. Danach ruft jemand von einem anderen Telefon mit unterdrückter Rufnummer an.«

»Und hast du schon mal versucht, auf der SMS-Nummer direkt anzurufen?«

»Klar.«

»Scheiße«, sagt Mario. Dann müssen wir ihm eben eine SMS schreiben, dass er zurückrufen soll.«

»Ich glaube nicht, dass das funktionieren wird«, sagt Alex. Das Auge hat doch durchschaut, dass ich die Seiten gewechselt habe.

»Wenn die Zukunft bekannt wäre, hieße sie Gegenwart«, sagt Louisa.

Alex schaut fragend.

»Sie meint, du sollst nichts ausschließen, bevor du es probiert hast«, erklärt Mario.

»Okay«, sagt Alex, holt sein Handy heraus und beginnt zu tippen.

Blub »Ist abgeschickt«, sagt Alex.

Mario und Louisa sehen sich entsetzt an. Wortlos klappen sie ihre Rechner auf und beginnen zu tippen.

Zwanzig Minuten später …

»Die beiden sind der Knaller«, lacht Lukas, während sich Mario und Louisa tippend angiften. Bernd nickt amüsiert. Pia und Lisa grinsen sich an.

Plötzlich sieht Mario auf: »Fertig!«

»Fertig?«, Bernd ist verblüfft. »Nach so kurzer Zeit?«

»Toolkit«, sagt Louisa. »Es gibt schon ein Programm, um die Schwachstelle auszunutzen.«

Mario spielt mit den Fingern: »Super-Mario!«

Louisa zieht eine abwertende Grimasse: »Super-Mario hat einfach nur ’ne Suchmaschine bedient.«

»Aber Super-Mario hatte Erfolg!«, erwidert Mario. »Wenn er unser Bildchen ansieht, wird automatisch sein GPS aktiviert und eine permanente Positionsangabe an uns gesendet.«

»Und davon merkt er nichts?«, fragt Lisa.

»Natürlich merkt er davon nichts«, antwortet Mario.

»Natürlich würdest du davon nichts merken«, verbessert Louisa. »Bei Ti ist das nicht sicher.« Dann sieht sie in die Runde: »Wir müssen es testen! Wer hat ein Android-Phone.«

 

Zehn Minuten später ist alles erledigt. Bernd bekam eine E-Mail mit einem »Lageplan.png«, der einen Tresorraum zeigt, in den vermeintlich eingebrochen werden sollte. 

Pling – innerhalb von Sekunden erschien ein kleiner Punkt auf einer virtuellen Landkarte von Marios iPhone. Alles funktioniert prächtig.

»Fehlt nur noch Ti«, bemerkt Louisa und sieht in die Luft.

Eine Stunde später …

»Wann ruft Ti gewöhnlich an«, fragt Louisa.

»Keine Ahnung«, antwortet Alex. »Irgendwann, wenn es ihm passt.«

»Das muss er wirklich sein«, sagt Louisa und trommelt mit den Fingern auf ihrem Laptop herum.

Zwei Stunden später …

»Ich hasse diesen Typen!«

»Wen meinst du, Louisa?«

»Wen wohl …?«

Am nächsten Morgen …

»Und?«

»Nein!«

»Scheiße.«

Mario erzählt aus seiner Zeit als Cyorg

Mario verdreht die Augen. »Was hier gerade geschieht, hätte niemals passieren dürfen.« 

»Ich versteh nur Bahnhof«, sagt Bernd.

»Wir waren echte Pioniere«, erwidert Mario. »Wir taten Dinge, die so cool waren, dass wir sie selbst für unmöglich hielten.«

»Was sollte dieses gestörte Getippe?«, fragt Max. »Klang wie Computer-Halloween?«

»Krasser«, antwortet Mario und holt tief Luft.

»Du wolltest einen Bienenstock, Max. Einen Hive.«

»Hive?«

»Hive ist das englische Wort für Bienenstock. Klingelt was?«

»Hive-Bewusstsein«, antwortet Max. »Die Borg haben ein Hive-Bewusstsein.«

»Was redet ihr da für eine Scheiße«, fragt Bernd. »Redet ihr von einem Film?«

»Star Trek«, antwortet Mario. 

»Gut. Dann klärt mich vielleicht mal jemand auf.«

An Marios Augen kann man ablesen, dass er bisher zögerte, alles herauszulassen, was er wusste. Nun strahlt sein Blick eine gewisse Resignation aus. Etwa wie damals bei Tim, als er seinen Bunker verraten musste.

»Also«, beginnt er und versinkt in Gedanken. 

»Also …«

Noch einmal holt er tief Luft und sagt erneut: »also …«

»Wenn der Tod kommt, ist Sense«, flachst Tim.

»Komm zur Sache«, drängt Bernd.

»Vor einigen Jahren waren wir eine unglaublich coole Truppe.«

Mario schüttelt mit dem Kopf. 

»So weit waren wir schon«, sagt Bernd. »Warum wart ihr das?«

»Wir beschäftigten uns mit Cyborgs.«

»Cyborgs?«, fragt Lisa entsetzt. »Diese Robotermenschen mit den komischen Apparaturen am Kopf?«

»Nein«, antwortet Mario. »Aus eurer Sicht eher belustigend. Wir trugen magnetische Ringe und zogen uns Armbänder mit Lämpchen an.«

Peinlich berührt sieht er in die Runde: »Wir trugen quasi Gegenstände mit Funktion. So wie du Schmuck trägst.«

»Und das war cool?«, fragt Bernd.

»Wir fanden uns supercool.«

»Über das Internet vernetzten wir uns mit anderen Cyborg-Freaks. Nach einer Weile gab es einen Trend, sich einen Magneten in die Fingerspitze einzusetzen.«

»Und wozu sollte das gut sein?«, fragt Lisa.

»Lisa! Wozu ist es gut, sich wie Pia ein Zungenpiercing stechen zu lassen? Oder ein Loch für einen Ohrring, wie du? Wir fanden es cool. Es war nur eine Spielerei, aber wir konnten Büroklammern aufheben, ohne sie anzufassen. Wir fanden das genauso cool, als wenn du dir einen Klunker ans Ohr hängst.«

»Krass«, sagt Lisa.

»Und was hat das mit diesem Mafia-Boss zu tun?«, drängt Bernd.

»Die Technik machte Fortschritte. Wir flogen nach Amerika zu einem Underground-Kongress der Cyborg-Fans.«

»Wer ist wir?«

»Louisa, Hendrik und ich.«

»Wer ist Hendrik?«

»Hendrik ist das Auge. Er war der Älteste von uns und mit Sicherheit auch der Verrückteste. Durch eine Erbschaft war er finanziell unabhängig und musste daher auf niemanden Rücksicht nehmen. Louisa und ich wurden ein wenig zu seiner Familie. Wir mussten uns nie um Geld Gedanken machen. Hendrik hatte uns quasi adoptiert. Er nannte mich immer ›Kleiner‹.«

»Genau wie mich«, bestätigt Alex.

»Krass«, sagt Lisa.

»Wir stellten fest, dass es eine Szene gab, die viel verwegener war, als wir es jemals geglaubt hätten. Man machte dort Versuche an Menschen.«

»An Menschen?«, sagt Lisa entsetzt.

»Selbstversuche. Viele Wissenschaftler machen Selbstversuche. Wir stießen dazu und meldeten uns freiwillig.«

»Ihr habt euch freiwillig als Versuchskaninchen gemeldet?«

»Wir fühlten uns nicht wie Versuchskaninchen. Wir waren Helden. Dachten wir zumindest.«

»Und wie hat man sich das vorzustellen?«, fragt Bernd. »Wolltet ihr Computermenschen werden?«

»Das wäre die Kür gewesen«, antwortet Mario.

»Totaler Schwachsinn!«, sagt Bernd.

»Überhaupt kein Schwachsinn!«, empört sich Mario. »Du trägst doch auch eine Brille. Andere lassen sich die Augen lasern. Wieder andere haben einen Herzschrittmacher. Oder nehmen Pillen, weil ihr Schniedel sich nicht aufstellt. Was ist das anderes, als sich Technik einbauen zu lassen?!«

»Und was habt ihr euch einbauen lassen?«, fragt Max.

»Die erste Niederlage war Finn. Er ließ sich eine Kamera in die Netzhaut einsetzen.« {SYNC_CYBORG_FINN}

»Und warum Niederlage?«

»Irgendwie drang Blut in das Gerät ein und wusch giftige Stoffe aus. Nach kurzer Zeit verlor er auf dem Auge die Sehkraft und kurz darauf nahm sein Gehirn Schaden. Heute ist er in einer Anstalt und hat seinen Verstand verloren.«

»Krass«, sagt Lisa.

»Wir freundeten uns mit einem Gehirnforscher an. Besuchten ihn in seinem Landhaus in Kanada und weil wir uns wirklich gut verstanden, durften wir Versuchskaninchen für einen Memory-Chip sein. Seinen richtigen Namen kannte ich nie. Wir nannten ihn nur als Q. Der Name war eine Anspielung, sowohl auf Q aus Star Trek als auch auf den Bastler aus James Bond.«

»Memory-Chip?«, fragt Lukas.

»Quasi eine Speichererweiterung für das Gehirn. Stell dir vor, du musst Vokabeln lernen und vergisst nichts mehr. Alles, was du dir merken willst, lagerst du in den Memory-Chip aus. Einen kompletten Zeitungsartikel und kannst wörtlich aus dem Gedächtnis wiedergeben. Einfach so. Nach einem Mal lesen.«

»Krass«, sagt Lisa.

»Superkrass«, erwidert Mario.

»Und du hast dir so was einbauen lassen?«

Mario verdreht die Augen und antwortet kleinlaut. »Ich habe damit sogar das Examen für mein Studium geschrieben.«

»In der nächsten Ausbaustufe konnten wir unser Handy über Bluetooth ansteuern, Informationen auslesen oder speichern. Wir konnten uns in WLAN-Netze einloggen. Das fanden wir so cool, dass wir begannen, uns wie die Borg zu strukturieren.«

»Was heißt?«, fragt Bernd.

»Q wurde Unimatrix 01. Wir ›Germans‹ nannten uns wegen der deutschen Vorwahl Unimatrix 49

»Und es dauerte nicht lang, bis mit dem nächsten Upgrade das Gehirn einen Co-Prozessor ansteuern konnte.«

»Co-Prozessor?«, fragt Bernd.

Mario erwidert: »Was ist die dritte Wurzel von 740.996?«

»Keine Ahnung«, antwortet Bernd. 

»Ich hab auch keine Ahnung«, sagt Mario. Aber über diesen Co-Prozessor hätte ich es dir ausrechnen können, so wie du dreimal neun rechnen kannst.

»Krass«, sagt Lisa.

»Ich höre aus deinen Worten heraus, dass du irgendwann ausgestiegen bist«, sagt Bernd.

»Richtig.«

»Q schrieb uns eines Tages, dass wir sofort kommen müssten. Er war so aufgedreht, dass er bereits unsere Tickets gebucht hatte, aber mich erwischte eine Magen-Darm-Sache. Darum kam ich eine Woche später nach.«

»Und?«, fragt Lisa.

»Als ich am Flughafen ankam, waren alle völlig außer sich. Sie würden mir das Geilste zeigen, was ich je im Leben gesehen hätte.«

»Was war das«, fragt Max.

»Sie nannten es Donkey Kong. Wie dieses alte Computerspiel. Ich verstand erst gar nicht, was sie taten.«

»Was taten Sie?«, fragt Bernd.

»Sie steuerten sich gegenseitig.«

»Wie, gegenseitig?«

»Hendrik steuerte Louisa. Und Louisa steuerte Hendrik.«

»Wie?«

»Am Flughafen kapierte ich es noch nicht. Erst als sie zu Hause einen Parcours aufbauten und Louisa über Bluetooth Hendriks Sichtfeld auf einen Computer projizierte, kapierte ich, was da gerade vor sich ging.«

»Und das war?«

»Wir waren in der Lage, uns gegenseitig fernzusteuern. Wir konnten gegenseitig unsere Persönlichkeit übernehmen.«

»Krass«, sagt Lisa. »Und was tatest du?«

»Viel krasser als du denkst. Ich ließ mir das Ding natürlich auch einpflanzen. Noch in derselben Nacht hatte ich Sex mit Louisa.«

»Ihr hattet Sex?«, fragt Lisa.

Auch Pia wird hellhörig und fragt ungläubig: »Mit Louisa?«

»Nein, viel krasser. Wir hatten beide unser erstes Mal im jeweils anderen Körper. Denn ich steuerte und fühlte Louisas Körper. Sie übernahm meinen.«

»Kapier ich nicht«, sagt Bernd.

»Hast du dir nie gewünscht, mal Sex aus der Perspektive einer Frau zu erleben. Oder Lisa – du als Mann? Genau das war nun möglich. Wir stellten uns an, wie zwei planlose Teenies. Es war der Hammer.«

»Krass«, sagt Lisa.

»Aber die Sache ist irgendwann aus dem Ruder gelaufen?«, fragt Bernd.

»Ja. Im Prinzip war von Anfang an der Datenaustausch über das Internet möglich. In Kanada gibt es den April Fools Day – vergleichbar mit unserer deutschen Tradition, uns gegenseitig in den April zu schicken. Es war nur ein Scherz, als Hendrik plötzlich im Nachthemd auf der Parkbank erwachte.«

»Wie? – Parkbank?«, fragt Lisa.

»Q hatte ihn von Kanada aus über das Internet ferngesteuert.«

»Das ging so einfach?«, fragt Lukas.

»Sicherheitslücke!«, antwortet Mario. »Q hat eine Sicherheitslücke ausgenutzt, die er sofort daraufhin geschlossen hat.«

»Aber …?«, fragt Bernd.

»Aber ab diesem Moment geschah etwas Ähnliches immer wieder. Es ist nahezu unmöglich, sich gegen die geballte Schwarmintelligenz des Netzes abzuschotten. Längst nannten wir unsere Vernetzung Hive-Bewusstsein und nutzten sie teilweise auch zur Lösung komplexer Probleme.«

»Und?«

»Ich deaktivierte meinen Chip. Bald darauf wurde er von außen wieder aktiviert. Ich fand mich in Kanada im Landhaus von Q wieder, wo alle auf mich einredeten. Ich bestand aber darauf, dass mir dies zu weit ging.«

»Aber sie wollten dich nicht gehen lassen.«

»Doch. Weil die Chips gelegentlich ausgetauscht wurden, lagen sie außerhalb. Ich zerstörte meinen und stieg aus. Darum bin ich mir auch heute sicher, dass niemand die Kontrolle über mich übernehmen kann.«

Mario sieht Max und Lukas als wissende Trekkies durchdringend an. »Es gibt da draußen so etwas wie die Unimatrix der Borg. Technisch nicht so ausgereift und doch weit genug, um davor Angst zu bekommen. Diese Leute sind nicht böse. Aber extrem experimentierfreudig.«

»Soll heißen?«, fragt Bernd.

»Hendrik gefiel sich immer in der Rolle des Chefs. ›Wenn ich das hier nicht hätte‹, sagte er gelegentlich, ›würde ich Mafia-Boss werden.‹«

»Mafia-Boss?«, platzt es aus Alex heraus.

»Klar, Mafia-Boss. Er war ganz angefressen von den Regeln der Cosa Nostra.«

»Ich musste den Scheiß auswendig lernen!«, sagt Alex.

»Wie auswendig lernen?«

»Na, dieser Gangsterboss hat scheinbar jeden diese Mafia-Regeln auswendig lernen lassen. Dann hat er sie abgefragt, darüber diskutiert und später individuelle Regeln mit jedem vereinbart.«

»Krass«, sagt Lisa. 

Mario lacht. »Ja, das sieht ihm ähnlich. Wahrscheinlich hat er euch alle kategorisiert, sodass er für jeden Job passende Leute ansprechen konnte.«

Alex streift sich durchs Haar. »Ja, so in etwa könnte es gewesen sein.«

Mario setzt seinen Gedanken fort: »Als ich mich aus der Gruppe löste, bastelte Hendrik an Subroutinen, die das Gehirn automatisch aufrufen kann.«

»Wie zum Beispiel?«, fragt Bernd.

»Stell dir vor, du willst Schach spielen. Da hilft dir unbegrenzter Speicher wenig. Wenn du jemanden schlagen willst, muss auf deinem Gehirn ein Schachprogamm laufen lassen, um deinen Gegner besiegen zu können.«

»Und?«

»Schachprogramm – Schadprogramm. Merkst du, wie sehr sich schon die Begriffe ähneln?«

»Du glaubst, dass auf deinem Freund Hendrik eine Art Computervirus läuft?«, fragt Max.

»Ich bin mir fast sicher. Und es könnte sogar sein, dass er ihn selbst geschrieben hat. Vielleicht kommt es aber von jemandem von außen.«

»Krass«, sagt Lisa erneut. »Und du glaubst, Hendrik spielt gerade Mafia-Boss.«

»Für ihn ist es, als ob er träumt. Oder es ist für ihn wie ein Spiel.«

»Und was tun wir jetzt?«

»Ich habe keinen Link über Chip mehr zu den anderen. Aber ich kann ihn möglicherweise über die Internetschnittstelle lokalisieren.«

»Und dann?«, fragt Bernd.

»Dann ziehen wir den Stecker«, antwortet Mario.

Nun faselt Mario von einem Offlink

»Wir brauchen einen Offlink!«

»Einen Offlink?«

Mario streift sich durchs Haar und holt tief Luft. »Wir müssen ihn offline erreichen.«

»Offline?«

»Wir haben Hendriks Signal isoliert. Er antwortet nicht. Wenn er das nicht tut, gibt es zwei Möglichkeiten: Er kann nicht …«

»… oder er will nicht«, unterbricht Pia.

»Richtig. Es gibt aber keinen Grund für ihn, nicht zu wollen. Wir haben weder Ärger miteinander, noch hat er sich jemals abgegrenzt.«

»Und darum vermutet ihr, dass er sich nicht melden kann«, schlussfolgert Pia.

»Richtig. Und wieder haben wir zwei Möglichkeiten.«

»Sag nichts«, unterbricht Pia erneut: »Er kann entweder nicht, weil jemand ihn blockiert, oder …«

»Richtig«, sagt Mario, »… weil er sich selbst blockiert.«

Hendrik – der Gangsterboss – muss abgekoppelt werden

»Willst du uns mal erklären, was das sollte«, fragt Bernd.

»Wenn wir ihn abgekoppelt haben, muss alles ganz schnell gehen«, antwortet Louisa.

»Prima, Louisa. Und wie genau willst du ihn abkoppeln?«, fragt Mario.

 »Du brauchst einen Offlink zu ihm. Musst ihn also direkt ansprechen.«

»Oder telefonisch«, erwidert Louisa.

Mario streicht sich über die Stirn: »Telefonisch …«

»Du hattest Kontakt mit ihm«, sagt Louisa zu Alex.

»Ja …!«, antwortet der unsicher.

»Dann wirst du ihm das Killtag übertragen!«

»Killtag?«

Mario hebt die Hand. »Mach mal langsam Louisa. Lass uns die Leute hier mitnehmen.« Er erhebt sich und beginnt mit ausladenden Gesten: »Nach momentanem Stand der Dinge läuft Hendrik auf Status busy. Das heißt, man kommt nicht an ihn heran.«

»Richtig«, bestätigt Louisa.

»Wir kommen von außen nicht an sein System heran. Es gäbe eine Möglichkeit zu einem Reset. Dazu müssen aber zwei Kommandos gegeben werden: eins online und eins offline. Also direkt in sein Ohr.«

»Und wie willst du offline an ihn herankommen?«

»Über ihn«, antwortet Louisa und zeigt auf Alex.

»ÜBER MICH?« – Alex wirkt verblüfft. »Wie soll das denn gehen?«

»Du hattest Kontakt mit ihm über dein Telefon!«

»Und?«

»Also können wir ihn über dich erreichen.«

Mario mischt sich ein. »Wir brauchen einfach zwei Zugangswege zu Hendrik. Einen haben wir über das Internet. Wenn du ihn anrufen würdest, könnten wir ihn darüber erreichen.«

Alex schüttelt mit dem Kopf. »Du glaubst wirklich, dass euer Freund das Auge ist.«

»Ohne Zweifel«, sagt Louisa.

»Du hast ihn doch gar nicht selbst gehört«, sagt Alex.

»Hendriks Art ist einmalig. Wenn Mario ihn erkannt hat, habe ich daran keine Zweifel. Auch alle Umstände sprechen dafür.«

»Ich kann diesen Boss aber nicht einfach anrufen. Ich habe keine Nummer von ihm.«

»Und wie hast du ihn bisher erreicht?«, fragt Mario.

»Ihr habt es doch mitbekommen: Ich schreibe eine SMS an eine Nummer. Danach ruft jemand von einem anderen Telefon mit unterdrückter Rufnummer an.«

»Und hast du schon mal versucht, auf der SMS-Nummer direkt anzurufen?«

»Klar.«

»Scheiße«, sagt Mario. Dann müssen wir ihm eben eine SMS schreiben, dass er zurückrufen soll.«

»Ich glaube nicht, dass das funktionieren wird«, sagt Alex. Das Auge hat doch durchschaut, dass ich die Seiten gewechselt habe.

»Wenn die Zukunft bekannt wäre, hieße sie Gegenwart«, sagt Louisa.

Alex schaut fragend.

»Sie meint, du sollst nichts ausschließen, bevor du es probiert hast«, erklärt Mario.

»Okay«, sagt Alex, holt sein Handy heraus und beginnt zu tippen.

Blub – »Ist abgeschickt«, sagt Alex.

Mario und Louisa sehen sich entsetzt an. Wortlos klappen sie ihre Rechner auf und beginnen zu tippen.

Zehn Minuten später …

»Die beiden sind der Knaller«, lacht Lukas, während sich Mario und Louisa tippend angiften. Bernd nickt amüsiert. Pia und Lisa grinsen sich an.

Plötzlich sieht Mario auf: »Picard-4-7-Alpha-Tango?«

Louisa nickt: »Picard-4-7-Alpha-Tango.«

»Picard-4-7-Alpha-Tango?«, fragt Pia. 

»Picard-4-7-Alpha-Tango!«, bestätigt Louisa.

Lisa legt die Stirn in Falten: »Picard-Alpha-Tango? Was ist Picard-Alpha-Tango?«

»Picard-4-7-Alpha-Tango ist der Selbstzerstörungscode der Enterprise?«, antwortet Pia.

»Unpräzise«, sagt Louisa. »Es ist Captain Picards Autorisierungscode, der auch zur Initiierung der Selbstzerstörung der Enterprise verwendet wurde.«

»Trekkies unter sich«, schmunzelt Lukas.

Bernd mischt sich ein: »Will uns jemand aufklären?«

»Picard-4-7-Alpha-Tango ist das Killtag«, antwortet Louisa.

Mario sieht genervt auf. »Wir brauchen einfach nur ein Kommando, mit dem wir einen Reset auslösen.«

»Und da nehmt ihr Picard-4-7-Alpha-Tango?«, fragt Pia.

»Warum nicht?«, entgegnet Louisa unbekümmert.

»Wir hätten auch ›alle meine Entchen‹ verwenden können«, erklärt Mario. »Wir brauchen einfach nur ein Kommando, das wir auf dem Internetweg setzen und dann offline bestätigen.«

»Alle meine Entchen wäre einfacher gewesen«, murmelt Lisa in Gedanken.

»Für dich«, erwidert Louisa.

Hendrik war ein cooler Typ

»Dieser Typ ist total verrückt!«, raunt Lisa Pia zu. »Ich glaube, das sind sie alle Drei«, antwortet Pia.

»Was für ’ne geile Sache«, poltert Hendrik und lacht. »Da hab ich aus Versehen ’ne Privatmafia gegründet. Ich brech ab.«

»Das war nicht lustig«, sagt Lisa vorwurfsvoll. »Ihr habt mir wehgetan.«

»Ach!« – Hendrik winkt ab. »Das war doch keine Absicht.«

»Keine Absicht?!«

Louisa mischt sich ein: »Wie willst du deinen Prinzen finden, wenn du keine Frösche küsst?«

»Genau«, sagt Hendrik. »Wie hat sich Alexander Fleming wohl gefühlt, als seine Petrischale angeschimmelt war? Und plötzlich hatte er das Penicillin erfunden.«

Plopp – Hendrik öffnet eine Flasche Sekt. »Außerdem – alles, was dir heute an Scheiße passiert, kannst du später Leuten als Anekdote erzählen.«

»Der versteht überhaupt gar nicht, was er getan hat«, raunt Lisa. Pia versucht sie abzulenken: »Schau mal Alex an«, flüstert sie ihr zu. »Der sitzt wie versteinert da und schaut in Hendriks Richtung.«

»Ich glaube, für Alex geht gerade eine Welt unter«, flüstert Lisa zurück.

In diesem Moment realisiert auch Hendrik Alex’ Blick. »Na, Kleiner! Wollen wir noch mal über die siebte Regel sprechen?«

»Nein, lassen Sie mal stecken«, antwortet Alex in Gedanken.

»HA!«, ruft Hendrik. »Seht ihr, wie authentisch ich war? Er siezt mich immer noch, ha, ha, ha.«

»KOMMT MAL ALLE HER«, ruft Hendrik in die Runde. »ICH ZEIG EUCH WAS!« Dann spricht er Alex an. »Komm Kleiner. Du darfst in die erste Reihe.«

Unsicher versammeln sich alle vor Marios Laptop, als plötzlich ein Fenster mit einem Video aufpoppt. Alex ist zu sehen. Er schaut wie ein Viertklässler, wenn er vor dem Schulrektor steht. »Das hier ist eine meiner Lieblingsstellen«, sagt Hendrik. Dann startet das Video:

»… wenn du die Sache mit der Ehefrau für nützlich hältst, vielleicht verrätst du mir, warum.«

Mit dem Gesichtsausdruck eines Grundschülers, der im Unterricht drangenommen wird, antwortet Alex: »Ich bin der Ansicht, dass eine frustrierte oder betrogene Ehefrau ein Sicherheitsrisiko sein könnte. Sie könnte ihren Mann an die Polizei verraten.«

»Aha …«

(Alex schaut ratlos) »Das war’s.«

»Gut. Nehmen wir einmal an, du wärst verheiratet. Würdest du dich an diese Regel halten?«

(Kurze Pause)

»Ja.«

»Nehmen wir einmal an, du wärst verheiratet. Würdest du dich an diese Regel halten?«

(Längere Pause)

»Ja!«

»Nehmen wir einmal an, du wärst verheiratet. Würdest du dich an diese Regel halten?«

(Noch längere Pause)

»Naja, in einer perfekten Welt vielleicht schon.«

»Und du lebst in einer perfekten Welt?«

Klick – das Video stoppt und zeigt Alex als Standbild.

»SEHT IHR DIESES GESICHT?!«, lacht Hendrik. Alex schaut betreten unter sich. »PASST AUF, ES KOMMT NOCH BESSER. DIES HIER IST NUR EIN TELEFONGESPRÄCH OHNE BILD …«

(Alex meldet sich) »Ja, hallo?«

»Du wolltest mich sprechen, Kleiner.«

»Ja.«

»Und, Kleiner. Ich bin ganz Ohr.«

»Sie hatten mal gesagt …«

»… Sie hatten mal gesagt …«

»… Sie hatten mal gesagt, dass …«

»… dass wir …«

»Kleiner, ich hab nicht mehr so lange zu leben wie du. Komm zur Sache!«

»Es geht um die Regeln.«

»Um die Regeln?«

»Sie hatten mal gesagt, dass wir Regeln hinzufügen könnten.«

»Können wir, Kleiner. Aber für jede Regel von dir kriegst du eine Regel von mir. Das ist dir klar?«

»Sonnenklar.«

»Fang an, Kleiner.«

»Ich würde gerne …«

»… Ich würde gerne nicht …«

»Kleiner!«

»Ich würde gerne nicht meine Freunde verraten müssen!«

»Du würdest gerne nicht deine Freunde verraten müssen? Besteht denn da eine Gefahr?«

»Nein, nicht. Aber ich schlafe schlecht und ich möchte Dinge regeln, bevor es ein Problem gibt.«

»Okay, Kleiner. Wir machen es zu deiner fünften Regel.«

Klick.

»Das ist ja süß«, sagt Lisa zu Alex. »Du hast mit ihm geregelt, dass du uns nicht verraten musst?«

Alex schaut peinlich berührt unter sich.

»DAS WAR NICHT SÜSS. DAS WAR TOTAL BESCHEUERT«, poltert Hendrik. »STELL DIR MAL VOR, ICH WÄRE ECHT GEWESEN!«

»Du warst echt!«, sagt Lisa. »Wir waren wegen dir in echter Lebensgefahr.«

Hendrik winkt ab. »Life starts at the edge of your comfort zone«, sagt Louisa. »Exakt«, bestätigt Hendrik.

Ding-Dong – da klingelt es an der Tür …

»Du solltest jetzt die Klappe halten«, sagt Mario zu Hendrik, während Bernd zur Tür geht.

»Guten Tag«, sagt Kommissar Brunn. 

»Guten Tag«, hallt es ihm aus dem Chor entgegen.

»Das hier ist mein Kollege Setzer. Vielen Dank für die Einladung. Wir wollten wenigstens kurz hereinschauen.«

»Möchten Sie etwas trinken?«, fragt Pia.

»Nein, sorry. Dienst.«

Lisa macht ihren Platz frei: »Setzen Sie sich doch.«

»Wir können nicht lange bleiben, sagt Kommissar Brunn. Aber ich möchte mich bei Ihnen herzlich für Ihren Einsatz bedanken.«

Dann spricht er Hendrik an. »Mit kurzen Haaren sehen Sie wieder ganz zivilisiert aus.«

Hendrik lächelt, als ob er kein Wässerchen trüben könnte.

»Ich hatte wirklich gedacht, Sie seien jetzt völlig von der Rolle, als Sie uns erzählten, dass eine verwirrte Person gleichzeitig das Ende dieser Mafia-Organisation bedeuten wird.«

»Na ja. Solche Zeichen gab’s schon in der Bibel«, lacht Pia.

Der Kommissar wendet sich an Hendrik: »Sie waren nicht in der besten Verfassung, als wir Sie aus diesem Supermarkt geholt haben, wo Sie nicht einmal mehr Ihren Namen wussten. Geht es Ihnen wieder gut?«

»Ich bin jetzt wieder okay«, sagt Hendrik scheinheilig. »Wie läuft es sonst so? Haben Sie noch etwas von dieser Organisation gehört.«

»Um offen zu sein«, sagt Kommissar Brunn, »es sieht so aus, als hätten die ihre Führungsspitze verloren. Wir hören Gerüchte in dieser Richtung. Frau Taschner sagte, sie hätten aber noch Beweise für uns.«

Mario greift in eine Tasche und packt mehrere Festplatten aus. »Hier haben Sie um die acht Terabite an Daten. Wir konnten uns in den Rechner der Organisation hineinhacken. Sie haben fast alle ihre Deals mit Videos dokumentiert. Wenn Sie alle festgenommen haben, die sie auf diesen Videos sehen, herrscht in dieser Stadt wieder Ruhe und Ordnung.« 

Etwas später ist der Kommissar gegangen …

»Ich hab noch eine Frage«, sagt Max.

»Oh. Eine Frage, Kleiner.«

Lisa tuschelt mit Pia: »Siehst du, dass Alex Augen immer sofort herumfliegen, sobald Hendrik ›Kleiner‹ sagt.«

»Die müssen echt viel Spaß miteinander gehabt haben«, flüstert Pia zurück.

»Also«, sagt Max, »ich verstehe eins nicht. Niemand kannte dich.«

»Klar, kannte mich niemand. Das war ja wohl auch mein Ziel.«

»Aber wie kann man denn eine Mafia-Organisation aufbauen, ohne in Erscheinung zu treten?«

»Magic!« – Hendrik macht eine mystische Handbewegung.

»Jetzt mal ohne Scheiß«, drängt Max. »Zelle Elrond hat einen nach dem anderen von deinen Leuten verhört.«

»Ja, das haben Sie«, lacht Hendrik. 

»Aber niemand kannte dich.«

»Nein, niemand kannte mich.«

Hendrik schaut zu Louisa hinüber. »Soll ich’s ihnen sagen?«

»Zwerge bleiben Zwerge, auch wenn sie auf Bergen sitzen«, antwortet Louisa.

 Pia springt auf. »Und du mit deinem frechen Mundwerk. Du kriegst gleich eine Lektion zum Thema Zwerge, die du niemals vergessen wirst.«

Louisa will gerade etwas erwidern, da unterbricht Hendrik: »Die Kleine ist ein Feger, Louisa. Ich würde mich nicht mit ihr anlegen. Jedenfalls nicht, bevor die Schildtechnik erfunden wurde.«

»Dankeschön« – Pia setzt sich wieder und verschränkt die Arme. 

»Das da an der Villa«, sagt Hendrik zu Pia, »das war cool.«

»Was war cool?«

»Na, wie du die drei Jungs von mir in Schach gehalten hast.«

»Das war ein Lob, Pia«, sagt Mario. »Darauf kannst du dir was einbilden.«

»Auf ein Lob von Hendrik?«

»Klar.«

Pia stößt einen verächtlichen Lacher durch die Nase.

»Wir kommen vom Thema ab«, unterbricht Bernd. »Mich würde auch interessieren, wie du es geschafft hast, diese Stadt unter Kontrolle zu bringen, ohne dass dich jemand kannte.«

»WLAN«, sagt Hendrik lapidar.

»WLAN?«

»Hey«, sagt Hendrik. »Ich bin durch die Stadt gelaufen und habe ein Wifi-Netz aufgebaut.«

»Und?«, fragt Bernd.

»Wenn du vor einigen Jahren ein freies Wifi-Netz angeboten hast, loggten sich fast alle Handys automatisch dort ein.«

»Und?«

»Und ab dem Moment kann er zaubern«, mischt sich Mario ein.

»Wie, zaubern?«, fragt Lisa.

»Ihr seid wirklich eine Truppe von gutgläubigen Naivlingen, oder?«, sagt Hendrik und hebt die Hände, als ob er etwas Offensichtliches erklärt. »Wenn sich euer Handy bei mir einloggt und ein einziges Mal die Mails abruft, habe ich eure Zugangsdaten. Bei vielen genügen diese Daten schon, um die Kontrolle über das Telefon zu bekommen. Plötzlich bin ich Magier, erscheine auf deinem Telefon, kann davon Nachrichten abschicken Apps installieren, das Betriebssystem austricksen. Ich weiß, wo du bist, kann dich mit deiner eigenen Kamera beobachten und dir über dein Mikrofon zuhören, dich ausspionieren und in deinem Namen Nachrichten versenden. Dann muss ich mir nur noch ein paar Schläger aussuchen, Gott spielen und ihnen ein paar Euros bieten. Viele von diesen Jungs sind super-hohl. So baust du dir eine Hierarchie auf: Suchst dir die schlaueren Dummköpfe aus und stellst sie über die Dümmeren. Und wenn sie Scheiße bauen, lässt du die Schlaueren von den Dümmeren verprügeln. Das reicht. Alle respektieren dich und halten dich für einen Übermenschen.«

Hendrik schaut kurz nachdenklich an die Decke: »Womit sie auch nicht ganz unrecht hätten …«

»Und so hast du die ganze Stadt terrorisiert?«, fragt Max.

»Logisch.«

Bernd schüttelt mit dem Kopf.

»Hey, vielleicht sollte ich zu meiner Ehrenrettung sagen, dass ich dachte, es sei ein Spiel. Für mich war das nicht real. Es war einfach ein Spaß.«

Hendrik sieht zu Alex hinüber: »Oder denkst du, als echter Mafia-Boss hätte ich Zeit für stundenlange Aufnahmerituale gehabt, wie bei dir? Ich fand es einfach furchtbar lustig. Du hättest dein Gesicht sehen sollen.«

»Schöner Spaß!«, schimpft Lisa. »Du gehörst ins Gefängnis.«

»Ach, Gefängnis« – Hendrik winkt ab. »Es war ein Programmfehler. Ich war nicht zurechnungsfähig in dieser Zeit. Jeder Richter dieser Welt würde mich freisprechen müssen.«

Louisa zeigt empört auf Lisa: »Dieses Individuum ist nicht in der Lage, zu verstehen, dass Hendrik sich auch selbst in Lebensgefahr gebracht hatte.«

»Lebensgefahr? Nachdem er die Haare geschnitten und geduscht hat, sieht er wieder aus, wie das blühende Leben!«

Mario versucht zu vermitteln. »Na ja, Lisa. Er hat die ganze Zeit nicht mitbekommen, was im richtigen Leben geschehen ist. Trotzdem ist er wie ein Schlafwandler einkaufen gegangen, hat offenbar gegessen und muss sich auch gelegentlich gewaschen haben.«

»Und?«

»Das alles hat sein Gehirn sozusagen in einem Seitentask gemacht. Er war ja währenddessen Mafia-Boss und kann sich an nichts erinnern. Er hätte verhungern können.«

»Oder«, unterbricht Louisa, »sein Gehirn hätte einfach so busy sein können, dass es das Atmen oder den Herzschlag einstellt.«

»Ist es nicht erschreckend, was aus einem Experiment entstehen kann?«, fragt Mario nachdenklich.

»Nein, es ist nicht erschreckend. Es ist furchtbar cool«, antwortet Hendrik. »Die ganze Evolution ist darauf aufgebaut: Es geschehen Dinge – manche davon funktionieren, andere nicht. Manchmal entscheidet sogar der Zufall darüber. Ich finde, Evolution ist was Cooles.«

Bernd denkt laut: »Also war alles nicht mehr als ein Experiment.«

»Richtig.«

»Krass«, sagt Lisa. »Und die Bezeichnung ›das Auge‹? Wir kamst du auf ›das Auge‹?«

Hendrik beginnt laut zu lachen. »Das Auge – diese unfassbaren Hohlköpfe …« Alex schüttelt mit dem Kopf. »Na, du natürlich nicht«, lacht Hendrik. »Obwohl – irgendwie auch.«

»Also«, drängt Bernd, »warum nanntest du dich Auge.«

»Ganz einfach. Ich kam ja für diese Leute immer irgendwie aus dem Nichts.«

»Aus dem Nichts?«, fragt Lisa.

»Na, ich wusste ja, mit wem ich es zu tun hatte. Manchmal stand ich nur ein paar Meter von ihnen entfernt, wenn ich sie anrief. Dann sagte ich gern so was wie: ›Bohr nicht so in der Nase, wenn du mit mir sprichst.‹ Die zuckten dann immer zusammen und hielten mich für den lieben Gott.«

»Und?«

»Sie gaben mir Spitznamen. Plötzlich war ich jedenfalls das Auge.«

»Plötzlich warst du das Auge«, sagt Lisa ungläubig.

»Ja, tut mir leid, dich zu frustrieren. Aber ich habe nichts für diesen Namen getan. Meine Leute gaben ihn mir. Ich fand es ganz okay. So machte sich niemand Gedanken um meinen richtigen Namen. Dass irgendwann die ganze Organisation ›das Auge‹ heißen würde – das hatte ich nicht geplant. Aber als es plötzlich so war. Was hätte ich tun sollen?«

»Krass«, sagt Lisa.

Hendrik spielt den Stifter

Der Applaus ist noch nicht verklungen, da stehen zwei Personen auf und gehen nach vorn: ein grau melierter Herr mit souveränem Blick im dunklen Anzug. An seiner Seite eingehakt: eine große, schlanke Blondine in einem roten, engen Kleid. Ihrem Gang merkt man an, dass sie nicht täglich hohe Schuhe trägt. Geblendet von ihrem kurzen Dress sehen die Männer im Raum darüber aber gern hinweg. Besonders Lukas.

»Was ist das denn für ’ne geile Sau …?«, flüstert er Mario zu. Der antwortet nicht, weil seine Augen gerade auf »tilt« stehen.

 Auch die Mädels tuscheln: »Wer ist das?«, fragt Pia, während ihr Blick etwas neidisch an den langen Beinen der Blondine klebt. »Ich kenn die!«, antwortet Lisa.

»Hendrik und Louisa«, sagen beide im Chor.

Lukas und Mario konzentrieren sich auf das Wesentliche: »Louisa …!«

Als seien sie angekündigt, stolzieren Hendrik und Louisa die Treppe hinauf auf die Bühne. Beide wirken so souverän und selbstbewusst, dass weder die Security sie zurückhält, noch ihnen jemand das Mikrofon verwehrt, als sie darauf zugehen. Im Gegenteil – der Bürgermeister macht einen Schritt zur Seite.

Einen Moment lang sieht Hendrik in die Menge, mit einem Blick, als ob er ein Superstar wäre, der gleich seinen ersten Song ansagt. Dann tuschelt er Louisa etwas zu. Die nimmt das Mikrofon.

»Ich habe die Ehre, Ihnen Herrn Dr. Junker anzusagen. Er ist leider heiser, sodass Sie mit meiner Stimme vorlieb nehmen müssen.«

»Was labert die da für ’ne Scheiße?!«, sagt Mario. »Heute Morgen hab ich doch noch ganz normal mit ihm telefoniert.«

 Hendrik flüstert wieder. Und Louisa spricht weiter. »Diese mafiöse Organisation hat unserer Stadt übel mitgespielt. Herr Dr. Junker hat als wohlhabender, langjähriger Mitbürger eine Stiftung gegründet, deren Kapital dem Wohl und der Sicherheit unserer Stadt zugutekommen soll.«

Es ist totenstill, als Hendrik Louisa den nächsten Text ins Ohr flüstert. 

»Außerdem«, sagt sie, »spendet Herr Dr. Junker zweieinhalb Millionen Euro in einen Fonds zum Wiederaufbau der durch die Mafia entstandenen Schäden.«

»Bitte?!«, flüstert Pia. »Der stiftet das Geld für den Wiederaufbau, dass er selbst durch Betrug verdient hat.«

»Krass«, sagt Lisa. »Und er lässt sich auch noch dafür feiern!«

»Herr Dr. Junker verbindet diese Taten mit dem herzlichen Angebot an alle Einwohner, die das Leben mit genügend Kapital ausgestattet hat, ebenfalls in den Hilfsfonds einzuzahlen. Geschädigte können ab sofort einen Antrag stellen. Wenden Sie sich an ihn!« Hendrik zeigt auf den Bürgermeister. 

Dann überreicht er eine Mappe, die der Bürgermeister sichtlich verwirrt entgegennimmt.

Hendrik ergreift die Hand des Bürgermeisters, schüttelt sie, hakt Louisa wieder ein und verlässt aufrechten Schrittes die Bühne. Kurz darauf setzt Applaus ein. 

Mario schüttelt den Kopf: »Dieser Stinker!«

»Was war das?«, fragt Lukas. 

»Na, denk doch mal nach«, tuschelt Alex von hinten. »Niemand weiß, wie das Auge aussah, aber viele hatten seine Stimme gehört …«

»Krass«, sagt Lisa.

»Ja, krass«, lacht Mario. »Hendrik war schon immer … unkonventionell.«

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