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Outtake aus Mooyan 1: Käferberichte

von Thomas Poppner

Käferberichte

Als ich die schwarzen Käfer erschuf, suchte ich noch, wo ich damit eigentlich genau hinwollte. So nahmen die Berichte zu ihnen mehr Raum ein, als es schließlich sinnvoll erschien.

Ursprünglich wurden die Käferberichte häppchenweise unter die Debatte im Völkerrat gemischt.

Einige Testleser empfanden sie als langatmig. Andere mochten sie, aber sie entwickelten dazu eine Erwartungshaltung, welche ich in der Story nicht erfüllte. Sie sind halt nur ein Detail der Story und kein großes Geheimnis, das es zu enthüllen gab.

So entschied ich mich dazu, die Berichte rauszuwerfen und nur die Anektdote mit Kobos’ Hunden drinzulassen. Darin wird eigentlich alles gesagt, was die Berichte auch enthalten.

Sechs Tage zuvor

Hier meldet sich wieder Malangar. Wir werden gleich mit Tanas Bericht aus der Ratskonferenz fortfahren. Mir fiel gerade auf, dass Ihr – verehrte Leserin, werter Leser – ja noch gar nicht im Bilde seid, weswegen diese Ratskonferenz angesetzt wurde. Denn unabhängig von dem, was Prinzessin Lasita gleich vortragen wird, fand man eine sonderbare Kreatur auf der Hohenau.

Reisen wir noch einmal in die Vergangenheit – diesmal sind es nur wenige Tage – und schauen uns an, was denn die Wissenschaftler Mooyans in Atem hielt. Ich fand dazu Schriftstücke, die ich Euch nicht vorenthalten möchte.


Bericht von Mooyans Chefwissenschaftler Dr. Leåno

Das Objekt ist tiefschwarz, etwa drei Fuß lang und eineinhalb Fuß hoch. Die Form gleicht einer Halbkugel. Unter der flachen Seite lassen sich schmale Füße erahnen, die sich allerdings unter der Halbkugel befinden und nicht näher begutachtet werden können. Augen oder sonstige Merkmale sind nicht zu erkennen. Es scheint sich um eine Art Käfer zu handeln – um einen Monsterkäfer. Aber um ein Exemplar, das wenig behände ist.

Ersten Beobachtungen nach bewegte er sich bisher sehr träge. Wir versuchten, ihn zu füttern. Zunächst mit allerlei Gemüse, das er jedoch nicht anrührte. Ebenso wenig wie eine Schweinekeule oder auch einen Karpfen, welchen wir ihm in sein Verlies warfen. Es ist bemerkenswert, dass das Tier es nicht einmal für nötig befand, an den Nahrungsmitteln zu riechen oder sie auf andere Weise auf Essbarkeit hin zu prüfen. Der Käfer zeigte sich schlicht nicht interessiert daran.

Auch wenn grundsätzlich die Möglichkeit besteht, dass dieses Wesen lebendige Nahrung bevorzugt, hielt ich es vom Risiko her vertretbar, mich zur näheren Untersuchung mit dem Käfer in einen Raum zu begeben. Meiner Einschätzung nach war er an mir genauso wenig interessiert, wie an anderer Nahrung. Er wich mir weder aus, noch verfolgte er mich. Sein Interesse galt offenbar nur dem Zweck, seine neue Umgebung zu erforschen.

Ich wagte mich im Verlauf meiner Untersuchungen näher und näher an den Käfer heran und konnte ihm meine Hand auflegen. Die Oberfläche seines Körpers ist absolut glatt. Sie fühlt sich kalt an – so wie Glas. Zunächst war ich noch sehr vorsichtig, weil ich mit einer Angstreaktion oder einem plötzlichen Angriff rechnete, doch das Tier zeigte weder Zutrauen noch Ablehnung. Es fuhr einfach fort mit seinen Erkundungen, die von außen wirkten, als ob es den Boden untersuchte, vielleicht auch daran roch, ohne dass Schnüffellaute vernehmbar waren.

Nachdem das Tier auf mich nicht reagierte, fasste ich den Mut, es zu manipulieren: Zunächst versuchte ich, es aus der Bahn zu drücken, was mir nicht gelang. Der Käfer scheint sich während des Laufens am Boden festzukrallen, sodass es nicht möglich ist, ihn mit der Körperkraft eines Mannes zur Seite zu bewegen. Auch bei diesem Versuch zeigte das Wesen kein Interesse an meiner Person und setzte die Aktivitäten fort, die ihm genehm erschienen.

Ich entschloss mich dazu, die Kreatur mit einfachen Mitteln anzugreifen und wandte etwas robustere Maßnahmen an: Ich schlug auf es ein, trat gegen seinen Körper. Aber auch diesmal zeigte der Käfer keinerlei Reaktion.

Zweifellos handelt es sich um ein Lebewesen, das entweder nur mäßig klug ist oder sehr stark auf seinen Panzer vertraut. Ich konnte mir aus der Nähe seine Oberseite ansehen. Dabei fand ich keinerlei Anzeichen dafür, dass der Käfer seine Oberschale aufklappen kann, um Flügel hervorzubringen. Sein Bewegungsspektrum scheint sich darauf zu beschränken, auf dem Boden zu kriechen. Er lässt sich dabei durch nichts aus der Ruhe bringen.

Mit diesen Beobachtungen ließ ich es für den ersten Test bewenden. Ich hielt es für angebracht, dem Tier eine Ruhepause zu gönnen, um sich mit seiner neuen Umgebung anzufreunden. Aber auch, um ihm die Gelegenheit zu geben, unbeobachtet die Nahrungsmittel zu verzehren, die wir ihm zur Verfügung gestellt hatten.

Wir beschlossen, die Untersuchungen für einen Tag ruhen zu lassen und uns morgen zur gleichen Stunde wieder zu weiteren Tests einzufinden.


Fünf Tage zuvor

Bericht von Mooyans Chefwissenschaftler Dr. Leåno über das wundersame Wesen

Als ich am heutigen Tage den Beobachtungsbalkon des Schuldenturms betrat, bot sich mir das gleiche Bild, mit dem ich gestern das Verlies des Käfers verlassen hatte. Das schwarze Wesen bewegte sich scheinbar planlos in gemächlicher Geschwindigkeit und ohne erkennbares System über den Boden. Weder das Gemüse, noch Fisch oder Schweinekeule hatte es über Nacht angerührt.

Wir unterhielten uns darüber, dass es sich um eine Art von Parasit handeln könnte, dessen Larven Bäume befallen. Aus diesem Grund entschieden wir uns dazu, das Tier zu töten, um es zu sezieren.

Allerlei Kriegs- und Schlachterwerkzeug wurde herbeigebracht. Wir versuchten zunächst, den Käfer aus sicherer Entfernung durch gezielte Speerwürfe zu erlegen. Doch die Speere prallten allesamt an dessen Panzer ab.

Ein Bogenschütze schoss Pfeile, später sogar Bolzen mit einer Armbrust ab. Doch selbst die Bolzen der Armbrust konnten den Glaspanzer des Käfers nicht durchdringen. Nicht der geringste Schaden, nicht einmal ein Kratzer, konnte beobachtet werden.

Trotz der doch erheblichen Angriffe zeigte der Käfer keinerlei Reaktion. Weder benahm er sich wie eine Schildkröte, die ihre Extremitäten schützen würde noch wie ein anderes Tier bei einen Angriff. Nein. Das Wesen ging einfach weiter seiner Verrichtung nach, den Boden abzusuchen.

Nachdem Fernwaffen keinen Erfolg zeigten und ich am Vortag den Käfer bereits berührte, sogar gegen seinen Panzer getreten hatte, entschlossen wir uns zu einem direkten Angriff.

Mehrere Soldaten wandten sich gegen den Käfer mit Streitäxten und später mit schweren Morgensternen. Doch was immer an Schlagwaffen hereingebracht wurde, nichts davon verursachte auch nur einen Kratzer im Panzer des Käfers.

Ich ließ Sägen hereinbringen. Große Baumsägen, die nur durch zwei starke Männer bedient werden konnten. Doch auch die große Baumsäge fand auf dem glatten Untergrund keinerlei Halt.

Wir diskutierten, ob wir uns auf die kleinen Füßchen des Käfers konzentrieren sollten. Sie sind unter seiner Schale wohl zu erkennen, liegen jedoch so verborgen, dass sie mit Schneide-, Stich- oder Hiebwerkzeugen nicht zu erreichen sind. Jedenfalls nicht, ohne das Wesen auf den Rücken zu legen. Dieses Ziel soll wohl durchdacht erreicht werden, weshalb wir unsere heutigen Tests beendeten, um morgen fortzufahren.

So bleibt als Fazit festzuhalten, dass der Käfer keine Angriffslustigkeit zeigt, wohl aber über einen Panzer ungewöhnlicher Härte verfügt. Damit schließe ich meinen heutigen Bericht. Wir werden morgen die Untersuchungen fortsetzen.


Vier Tage zuvor

Bericht des Chefwissenschaftlers

Nachdem unsere gestrigen Versuche, den sonderbaren Schneckenkäfer zu sezieren, nicht von Erfolg gekrönt waren, versuchten wir heute, eine Schwachstelle des Tieres zu finden. Nachdem wir die Oberfläche des Käfers beim gestrigen Test mit allerlei Werkzeug malträtiert hatten, vermuteten wir einen verwundbaren Punkt an des Käfers Unterseite. Diese Stelle offenzulegen war Ziel der heutigen Bestrebungen.

Zunächst versuchten wir, ein Brett unter den Käfer zu schieben, mit dessen Hilfe wir ihn nach oben stemmen konnten. Dies schlug fehl: Das Tier verkrallte sich so fest im Boden, dass es nicht möglich war, etwas darunter zu schieben.

Da sich das Tier bisher in keiner Weise aggressiv gerierte, boten sich fünf Freiwillige aus der Garde an. Sie versuchten, es mit den Händen zu greifen und auf dem Rücken zu drehen. Während ihrer fast halbstündigen Versuche konnte leider kein Erfolg vermeldet werden. Der Käfer scheint die Fähigkeit zu besitzen, sich auf unerklärliche Weise im Steinboden des Schlossturms zu verkrallen.

Die Beobachtungen waren jedoch in sofern von Wichtigkeit, als nach Abschluss dieses Tests klar festgestellt werden kann: Von diesem Käfer geht kein Gefahrenpotenzial gegenüber Personen aus. Dabei muss jedoch eingestanden werden, dass bisher ungeklärt ist, wovon sich das sonderbare Tier ernährt.

Wir ließen uns nicht entmutigen und suchten nach weiteren Möglichkeiten, den Käfer auf den Rücken zu drehen. Dazu wurde eine Tür ausgehängt und längs auf den Boden gelegt. Da das Tier weder durch Gewalt, noch durch Belohnungen auf seine Bewegungsrichtung einwirken ließ, blieb uns nichts anderes übrig, als zu warten, bis es von sich aus die Tür ansteuern würde.

Da es das nicht tat, wurden drei weitere Türen ausgehängt und auf den Boden des Verlieses abgelegt, sodass der Käfer kaum noch eine andere Möglichkeit hatte, als die Falle zu betreten. Dazu kam es schließlich auch.

Als der Käfer nahezu vollständig über die Tür geglitten war, sprangen die freiwilligen Gardesoldaten herbei und hebelten den Käfer auf den Rücken. Was nun geschah, war in hohem Maße befremdlich: Der Käfer scheint in der Lage zu sein, seine Form zu verflüssigen. Für einen Augenblick wirkte er wie eine schwarze Puddingmasse, die sich unverzüglich neu in Käferform brachte, wobei die ehemalige Unterseite nun zum halbkugelartigen Schutzpanzer der Oberseite wurde.

Bei aller Friedfertigkeit, die das Tier bisher an den Tag legte, sorgte dieses Verhalten für Sicherheitsbedenken. Wir beschlossen daher, weitere Versuche darauf auszurichten, den Tod des Wesens herbeizuführen, bevor es seine bisherige Friedfertigkeit aufgeben könnte. Entsprechende Versuche werden für den morgigen Tag vorbereitet.


Drei Tage zuvor

Bericht von Dr. Leåno – Chefwissenschaftler von Mooyan

Nach den beunruhigenden Erkenntnissen des gestrigen Tages war heute das definierte Ziel, den Tod der Kreatur herbeizuführen. Ein Wesen, das einen unverwundbaren Eindruck macht, hatten wir einhellig als Bedrohung erkannt, auch wenn es sich zunächst nicht aggressiv präsentierte.

Die Teilnehmer waren sich einig, dass die einfachste wirksame Methode, den Tod des Wesens zu bewirken, ein Feuer sein müsste. Dies würde nebenbei die stinkenden Speisen am Boden des Verlieses zu vernichten, welche der Käfer bisher nicht anrührte.

Wir warfen von oben allerlei Stroh, Äste und Reisig in eine Ecke des Turms. Währenddessen kam uns die Idee zu einem weiteren Test: Wir wollten herausfinden, ob das Tier Feuer fürchtet. Sollte es zu einer Plage dieser Wesen kommen, wäre es gegebenenfalls nötig, es dazu zu bewegen, in eine von uns bestimmte Richtung zu gehen.

Zunächst wurde also nur ein Viertel der Bodenfläche des Verlieses mit brennbarem Gut bestückt, das wir später durch einige vom Balkon geworfene Fackeln entzündeten. Das Ergebnis war erneut besorgniserregend:

Das Wesen zeigte keineswegs die Gleichgültigkeit, die es bei unseren bisherigen Tests an den Tag gelegt hatte. Im Gegenteil. Als auch nur eine kleine Flamme brannte, bewegte es sich zielgerichtet ins Feuer um darin zu verharren bis das Feuer heruntergebrannt und die Glut erstickt war. Danach ging es wieder seiner Aktivität nach, das Verlies zu untersuchen. Es machte dabei den Eindruck größerer Agilität.

Wir diskutierten die Theorie, dass die erhöhte Agilität durch Schmerzen herbeigeführt worden sein könnte. Beispielsweise durch Verbrennungen. Dem steht entgegen, dass das Tier selbst das Feuer aufsuchte und es jederzeit hätte verlassen können. So drängt sich eine einzige Schlussfolgerung auf: Der sonderbare Käfer empfindet die Hitze eines Feuers als angenehm. Er wird dadurch auch nicht verzehrt. Vielleicht benötigt er die Wärme wie eine kaltblütige Eidechse, die ohne Wärme steif wird. Vielleicht ernährt sich das Wesen sogar von den Flammen oder der Hitze. Dies muss in Betracht gezogen werden.

Alles in allem bleibt zu sagen, dass wir auch mit dem heutigen Test überrascht wurden. Umso mehr sind wir davon überzeugt, dass eine Lösung gefunden werden muss, das sonderbare Wesen zu töten. Wir werden dazu am morgigen Tag eine weitere Versuchsreihe starten.


Zwei Tage zuvor

Fortsetzung des Untersuchungsberichts zu dem sonderbaren Käferwesen von Chefwissenschaftler Dr. Leåno

Für unsere heutige Versuchsreihe ließen wir Eis von der Silberkuppe heranschaffen. Ich will diesen Testbericht kurz halten, denn das Ergebnis war ernüchternd.

Die sonderbare Kreatur schien unter dem Eis träge zu werden. Es konnte jedoch nicht beobachtet werden, dass es in irgendeiner Weise litt. Dabei müssen wir eingestehen, dass manche Geschöpfe, auch wir selbst, bei Kälte an Schwung verlieren. So kann die heutige Beobachtung lediglich die Erkenntnis eines für lebendige Wesen normalen Sachverhalts sein.

Ich habe Anweisung an die Wachen gegeben, dass der Käfer für den Verlauf eines Tages und der kommenden Nacht ständig unter Eis zu halten sei, sodass wir morgen eine dauerhaftere Erkenntnis gewinnen können.

Wir werden kommende Versuchsreihen darauf auslegen, zu ergründen, nach was dieses Wesen strebt. Wenn wir es schon nicht zu töten in der Lage sind, sollten wir es wenigstens locken und im Zaum halten können. Ich werde dazu im Anschluss an diesen Bericht eine Konferenz mit den ansässigen Wissenschaftlern durchführen, während der wir ergänzende Maßnahmen diskutieren. Die Ergebnisse werden sich in weiteren Testberichten niederschlagen.


Ein Tag zuvor

Bericht des Chefwissenschaftlers

Die Vorbereitungen zum heutigen Versuch waren umfangreich und wir alle waren gespannt, welche Erkenntnisse wir heute gewinnen würden. Da das Wesen in vergangenen Tests positiv auf Feuer reagierte, hielten wir es für naheliegend, heute Wasser einzusetzen.

Da der ehemalige Schuldenturm, in dem der Käfer untergebracht ist, unten keinerlei Fenster hat, wurden Pumpen angebracht, mit denen Wasser in das Verlies des alten Schuldenturms geschleust werden konnte.

Tatsächlich reagierte das Geschöpf auf Wasser. Und zwar in einer Art und Weise, die nahelegte, dass es Wasser als etwas Negatives ansah. Der Boden des Schuldenturms ist uneben und fällt nach hinten hin ab. So sammelte sich das Wasser zunächst in einer Ecke und breitete sich von dort her aus.

Das Wesen suchte zunächst trockenen Boden. Es war eindeutig, dass es das tat, da es sich bisher äußeren Reizen völlig unbeeindruckt zeigte.

Als wir das Wasser weiter einströmen ließen, blieb das Tier jedoch agil. Da das in den Schuldenturm gepumpte Wasser beständig durch zahlreiche Ritzen ablief, brachen wir den Test nach einer gewissen Zeit ab. Wir wollten nicht alle Süßwasservorräte aus den Zisternen für diesen Test aufzubrauchen.

Es bleibt festzuhalten, dass Wasser bei der schwarzen Kreatur eine Verhaltensänderung bewirkt hat. Ich stellte eine Anfrage bei der Schlossverwaltung, weil ich für weitere Versuche gern das Bassin der schlosseigenen Bäderanlagen verwenden wollte. Dies wurde abgelehnt mit dem Hinweis, dass das Wesen giftige Ausscheidungen ins Wasser abgeben könnte.

Ich habe die Zimmerleute angewiesen, in den nächsten Tagen eine Vorrichtung zu anzufertigen, mit der die Kreatur im Bereich des Anlegers zu Wasser gelassen werden kann, ohne ausbrechen zu können.

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