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Meinung: Muss das Kruzifix sein?

von Thomas Poppner

Auf dem Hinweg zum Spielplatz:

»Papa? Ist der schon tot?«
»Ja, der ist schon tot.«
»Und wer hat den totgemacht?«
»Ein paar blöde Leute haben den totgemacht.«

Ich war wirklich froh, dass mein kleiner Sohn nicht weiter nachgefragt hat, warum man dem Mann denn Nägel durch die Hände geschlagen hat.

Kreuzigung – eine menschenverachtende Marter

Kreuzigung mit oder ohne Nägel

Die Kreuzigung ist eine unendlich grausame Art der Hinrichtung. Die Nägel sind dabei nicht einmal nötig – nein, viele Menschen wurden damals nicht angenagelt, sondern nur ans Kreuz gebunden.

Wie stirbt man am Kreuz

Es genügt, einmal die Arme in die entsprechende Position zu heben, um zu verstehen, dass man am Kreuz erstickt. Damit es sich damit hinzieht, sind die Beine keineswegs ausgestreckt angenagelt bzw. angebunden, sondern ein wenig gebeugt, sodass man sich damit hochstemmen kann. Das ist nötig, um Luft zu holen.

So ist dann jeder Atemzug eine Qual. Man stelle sich einmal vor, welche Schmerzen jemand am Kreuz angenagelt erleidet, der sich auch noch zusätzlich für jedem Atemzug nach oben stemmen muss.

Das ist gruselig, oder? Eigentlich will sich das niemand vorstellen und es wirkt schon bösartig von mir, wenn ich den Tod am Kreuz einmal näher beschreibe.

Bleibt bei mir Leute, diese Kreuze stehen gefühlt an jeder zweiten Ecke. Und meine Frage in diesem Artikel lautet: warum?

Das Kreuz – zu grausam als christliches Symbol

Die Kreuzigung war eine derartig grausame Hinrichtungsart, dass – wenn stimmt, was ich gelesen habe – niemand in der Zeit nach Jesus auf die Idee gekommen wäre, ausgerechnet ein Kreuz als Symbol für den christlichen Glauben zu verwenden. Erst als man keine Menschen mehr kreuzigte, wurde das Kreuz zum Symbol.

Wenn die Kreuzigung doch aber so schlimm ist – warum in aller Welt, ist es notwendig, die gekreuzigten Jesusse in der Öffentlichkeit aufzustellen?

»Ist der immer noch tot, Papa?«, fragte dann mein Sohn, auf den Rückweg.
»Ja, der ist immer noch tot.«
»Und die haben den dort hingemacht«

Timo deutet auf das Kreuz und präsentiert stolz sein Wissen.

»Und dann ist der totgegangen.«
»Ja, dann ist der totgegangen.«
»Dann waren die böse.«
»Ja, die waren böse.«
»Und war der nett?«
»Nein, so richtig nett, war der auch nicht.« Ich wechsle das Thema.

Muss man Religionen positiv darstellen?

Ich habe kein Problem damit, wenn sich mein Sohn eines Tages für eine Religion entscheidet. Aber ganz bestimmt werde ich ihn an keine heranführen.

War Jesus Christus eine positive Person

Und ja, liebe Christen, es ist wirklich so: Dieser Jesus Christus hat keineswegs nur nette Dinge gesagt. Schaut euch an, was da zum Beispiel gegen die Pharisäer abgeschossen wurde. Waren diese Pharisäer wirklich so weit entfernt von dem, was heute den jüdischen Glauben ausmacht?

Aber dieses Fass will ich gar nicht aufmachen. Ich weiß, liebe Christen, dass Jesus Christus für euch der Größte ist. Das darf er auch sein und ich mache mich darüber nicht lustig. Aber bitte habt Verständnis dafür, dass er für mich einfach eine religiöse Person ist, an die ich nicht glaube und die in meinen Augen heute tot ist.

Die hinter der Kreuzigung stehende Theologie empfinde ich weder als nachvollziehbar noch als etwas, das für diesen Glauben spricht. Im Gegenteil. Darum wäre ich dankbar, wenn man mir nachsehen würde, dass ich meinem Sohn diesen Glauben mit einer gewissen Distanz vermitteln will.

Ist es wahr, was die Bibel schreibt?

Ja, von »was wir gesehen und gehört haben«, spricht der 1. Johannesbrief gleich am Anfang. Und ich weiß, dass das Leben von Jesus Christus besser dokumentiert sein soll als das von Julius Cäsar.

Das ändert aber nichts daran, dass ich die Auferstehungsgeschichte für einen Mythos halte. Ich kann daran glauben, dass es einmal einen Jesus gab, ohne gleichzeitig zu glauben, dass er Wunder getan hat. Das darf ich übrigens auch und ohne Studien darüber zitieren zu können, ahne ich, dass ich damit keineswegs einer Minderheit angehöre.

Davon abgesehen hat der Verfasser der Johannesbriefe auch die Offenbarung geschrieben – ein derart konfuses Werk, dass ich an der psychischen Gesundheit des Autors meine Zweifel habe.

Sind Religionen generell etwas Positives?

Auch andere Religionen tun Dinge, die ich nicht unterstützen kann. Wenn ich mir verschiedene religiöse Bräuche und Symboliken ansehe, kann ich persönlich nur mit dem Kopf schütteln.

Ich habe nichts dagegen, wenn man sich beschneiden lässt. Ich denke allerdings, dass man selbst die Entscheidung dazu treffen sollte und nicht etwa die eigenen Eltern. Und mir persönlich widerstrebt auch der Gedanke, ein Tier durch Schächtung mehr zu quälen, als nötig.

Schächten von Tieren oder Beschneiden von Kindern. Denkt, was ihr wollt. Nie im Leben wäre das in der heutigen Zeit noch erlaubt, wenn es nicht Weltreligionen wären, die solche Dinge fordern würden.

Wäre eine religiöse Welt eine bessere Welt?

Religionen können eine positive Auswirkung auf Menschen und Kultur haben. Das ist aber keineswegs ein Muss. Dazu muss ich wohl wirklich keine Beispiele bringen.

Ja, ich kenne – ich kannte – tatsächlich Leute, die durch den Glauben von Drogen losgekommen sind. Ich werde das auch nicht kleinreden. Zur Wahrheit gehört aber auch der eine, von dem ich heute weiß, dass er sich das Leben genommen hat – trotz Jesus. Und zur Wahrheit gehört es ebenfalls, diejenigen anzuführen, die ihr Leben in einer religiösen Wunderwelt verbringen und derartig abgedreht und schwierig sind, dass sich auch ihre Mitgläubigen von ihnen distanzieren.

Während meiner acht intensiven christlichen Jahre traf ich viele unendlich liebenswerte Menschen. Ich traf aber auch eine nicht unerhebliche Zahl an Menschen, die ihren schlechten Charakter hinter frommen Sprüchen verborgen haben.

Aber auch darum gehts mir nicht. Ich möchte hier lediglich um Verständnis werben, dass ich meinem Sohn kein verklärtes religiöses Weltbild vermitteln will. Das ist alles.

Religion und Jugendschutz

Die Passion Christi – FSK 16

Bin ich der Einzige, der beim Trailer von Mel Gibsons »Die Passion Christi« weggeschaltet hat?

Ich persönlich will keine Filme sehen, in denen man einem Menschen Nägel durch die Hände bzw. die Handgelenke treibt. Das zu zeigen ist ekelhaft und pervers – zumindest für mich. Ich hätte es auch während meiner Zeit als Christ nicht sehen wollen.

Wenn dem nun aber so ist – warum in aller Welt ist es notwendig, diese leidenden, gekreuzigten Jesus-Figuren in öffentlichen Räumen darzustellen?

Wenn es sein muss und ihr diese Statuen in einer Kirche ausstellen wollt – von mir aus. Aber warum stehen sie an Straßenecken, an Feldern, öffentlichen Plätzen, Zugängen zu Spielplätzen?

Aus gutem Grund ist Mel Gibsons Film erst ab 16 empfohlen. Ich würde ihn erst ab 18 freigeben.

Aber mein kleiner vierjähriger Sohn, bekommt diese Art von Gewaltdarstellung schon beim Weg zum Spielplatz geboten. Danke dafür, liebe Kirche.

Das fliegende Spaghettimonster

Ich möchte mal eine herausfordernde Frage stellen. Es gibt eine Religionsgemeinschaft namens »Das fliegende Spaghettimonster«. Wikipedia sagt dazu:

Die Kirche des Fliegenden Spaghettimonsters e. V. (KdFSMD) wird seit 2011[3] als gemeinnützige Körperschaft anerkannt, die „ausschließlich und unmittelbar kirchliche Zwecke fördere“.

Hat sich mal jemand gefragt, was geschehen wäre, wenn diese Gemeinschaft »Das poppende Spaghettimonster« heißen würde?

Sex als religiöser Ritus?

Nehmen wir einmal für einen Moment an, es gäbe eine Religionsgemeinschaft, in der zum zentralen Kern der Botschaft Sex gehört. Würden wir dann an jeder zweiten Straßenecke kopulierende Menschen sehen?

Würden wir das wollen?

Guillotine und elektrischer Stuhl

Ich habe ja oben schon beschrieben, dass der Kreuzestod so furchtbar war, dass die ersten Christen kein Kreuz als Symbol gewählt hätten.

Tauschen wir doch die uns vertrauten Kreuze mit angenageltem Jesus einmal aus gegen etwas, bei dem wir noch nicht so abgestumpft sind.

Wie würden wir reagieren, wenn Statuen eines Menschen auf einem elektrischen Stuhl aufgestellt würden – womöglich noch mit gerade eingeschaltetem Strom? Oder von Leuten, deren Körper auf einer Guillotine festgeschnallt ist und das Fallbeil bereits auf ihn herabsaust – eingefroren, kurz bevor es den Kopf abtrennt.

Alternative Darstellungen

Liebe Gläubigen – ihr missversteht diesen Artikel völlig, wenn ihr glaubt, ich möchte euch die Möglichkeit nehmen, euren Glauben zu bezeugen.

Nein. Für mich wäre es völlig in Ordnung, wenn ihr Kreuz-Symbole aufstellt. Aber eben ohne angenagelten Jesus. Wenn solche Darstellungen unbedingt gezeigt werden müssten, dann in einer Kirche oder einem sonstigen religiösen Raum, den man bewusst als Gläubiger betritt.

Oben auf dem Rochusberg in Bingen gibt es einen Weg nah der Rochuskapelle, der wohl der Meditation dienen soll. Dort sind verschiedene Stationen des Kreuzeswegs Jesu mit skizzierten Bildern beschrieben. Auch mit so etwas könnte ich leben.

Hier wird eine Geschichte erzählt, über die auch »Ungläubige« wie ich nachdenken können. Und solche Wege sind ja nun wirklich nicht so häufig, dass man diese Darstellungen an jeder Ecke ansehen muss. Ein solcher Weg, nimmt einen – unabhängig davon, ob man nun glaubt oder nicht – in eine Erzählung hinein und gibt auch Kind und Eltern die Möglichkeit, sich darauf einzulassen.

Was mir allerdings nicht gefällt, ist die Überfrachtung des öffentlichen Raums mit Horrorfiguren. Es ist etwas völlig Unterschiedliches, ob ich einem Kind während eines Spaziergangs eine Geschichte erzähle, oder ob es vor einem für sich alleinstehenden Horrorbild anhält.

Was könnte man stattdessen verwenden?

Gerade die katholische Kirche zeigt ja häufig Statuen von Maria mit dem Jesuskind. Nur weil da Maria mit drauf ist, sind die in meinen Augen für Evangelische nicht ungeeignet. Zumindest hätte ich als ehemaliger Gläubiger kein Problem damit gehabt.

Die ersten Christen verwendeten Brot und Fische als Symbol. Und in evangelikalen Kreisen klebt man sich häufig einen Jesus-Fisch aufs Auto – quasi als Geheimsymbol »wir meinen es ernst«. Dies zur Abgrenzung zur kreuztragenden Fraktion der Weihnachtskirchgeher. Und ja – der Fisch ist ein älteres christliches Symbol als das Kreuz.

Auch Engel könnte man verwenden. Situationen nachstellen. Jesus hat doch angeblich Kranke geheilt. Warum immer diese Kreuzigungsszene? Warum nicht auch einmal etwas Positives?

Und zu dem, was Johannes in der oben angeführten Bibelstelle selbst gesehen haben will, gehört doch auch die Auferstehung. Wie wäre es also mit einem leeren Grab, einem auffahrenden Jesus an Himmelfahrt oder den Feuerzungen beim Herabfahren des Heiligen Geistes?

Wenn man ein wenig nachdenken würde, gäbe es eine ganze Menge Symbole oder Situationen, die sich sehr viel besser in der Öffentlichkeit machen würden als eine grauenvoll gemarterte Jesus-Figur.

Denkt auch einmal an die Kinder, die sich so etwas ansehen müssen – und an die Erwachsenen ebenso.

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