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Meinung: Ein Leben ohne Smartphone-Terror?

von Thomas Poppner

Um es gleich zu Beginn zu schreiben: Ich gehöre nicht zu den Leuten, die der Ansicht sind, dass früher alles besser war. Es würde mich sicher faszinieren, mit dem heutigen Wissen nochmal kontrolliert zurück in die Achtziger zu reisen. Ob ich dort allerdings wirklich glücklicher wäre als in der heutigen Zeit, möchte ich bezweifeln. Trotzdem gibt es Dinge, die mich faszinieren.

Auf dem Kanal KultKrimi bei Youtube kannst du dir alte Derricks ansehen. Darunter auch die wirklich alten aus den Siebzigern, als Derrick tatsächlich noch gut war. Ja, diese Zeit hab es. Es gibt dort ein Szenario, das mich regelmäßig ins Nachdenken bringt: Man sieht eine Wohnung ohne Computer. Manchmal stoppe ich das Video und begebe mich auf eine kleine gedankliche Reise. In dieser Wohnung gibt es nichts zu tun. Im Fernsehen wird gerade nichts Vernünftiges laufen, das Internet ist noch nicht da. Was also tat man damals so in einer Wohnung? Musik hören? Sich betrinken? Freunde treffen? Sport machen?

Man hatte damals noch Zeit zur Langeweile. Ob Langeweile die Lösung unserer heutigen Probleme ist, darüber möchte ich mir kein Urteil erlauben. Aber sicher lief das Leben damals sehr viel entschleunigter ab. Möglicherweise kam dieser Lebensstil uns als menschlichen Lebenwesen mehr entgegen als die künstliche Hektik der heutigen Zeit.

In diesem Blogbeitrag will ich mal auf ein paar Eckdaten eingehen, die ich für mein Social-Media-Leben definiert habe. Ich bin bestimmt kein Vorbild und habe genügend offene Flanken. Aber ein paar Dinge habe ich in meinen Augen richtig gemacht. Darüber will ich mal berichten. Vielleicht hast du Lust, dich davon inspirieren zu lassen.

Alles begann um 2007 mit Facebook

Ich hatte damals ganz sicher keinen Bock auf Social Media. Facebook erzeugte in mir nicht den Wunsch, es zu erkunden. Im Gegenteil. Ich wollte nicht Teil einer solchen Datenkrake werden. Doch dann ging ich auf eine Info-Veranstaltung zu diesem Thema. Mir wurde klar, dass mein Job als Internet-Verantwortlicher bei meinem Arbeitgeber es erforderlich machen würde, mir Facebook anzusehen. Ich kämpfte einige Tage mit der Entscheidung, bis ich mich voller Widerwillen dort anmeldete, um Erfahrungen zu sammeln und für meinen Arbeitgeber Entscheidungen zum Umgang damit treffen zu können. Es zog mich sofort völlig hinein.

Innerhalb der ersten zwei Tage sammelte ich über 50 Facebook-Freunde. Nach einer Woche waren es bereits mehr als 150. Ich war überrascht, denn darunter waren auch Menschen, die mir einst wichtig waren. In den kommenden Jahren sollte ich Leute wieder treffen, die ich Jahrzehnte nicht mehr gesehen hatte. Facebook hat sich in meinem Leben durchaus eine gewisse Anerkennung erworben. Ich fand schnell einige Vorzüge heraus und bin bis heute der Ansicht, dass dieses Portal nicht nur Teufelszeug ist. Nein, Facebook hatte mir etwas gegeben und ich nutze es heute wie damals. Die Frage ist halt nur, wie.

Social-Media-Sucht

Ich ging damals – um 2007 herum – zunächst einmal einen Weg, der sicher vielen bekannt vorkommen wird: Ich wurde Facebook-süchtig. Mein Handy lag immer neben mir. Wenn ich aufs Klo ging, surfte ich sofort durch Facebook. Beim Fernsehen und neben der Arbeit lag es auf dem Tisch, und wenn Freunde mich besuchten sowieso. Ich ließ mich von meinem Handy wecken, was bedeutete, dass es nachts in greifbarer Nähe lag. Mein Handy, Facebook und ich bildeten also quasi so eine Art Symbiose.

So lief es eine durchaus längere Zeit, die ich heute nicht mehr genau einordnen kann. Mir wurde immer klarer, dass ich Suchtverhalten zeigte. Und Suchtverhalten – also mich selbst von etwas Fremdem kontrollieren zu lassen – ist etwas, das mir zutiefst zuwider ist. Es fordert mich förmlich heraus, mich damit zu beschäftigen. Ich war immer schon jemand, der gern mit den eigenen Möglichkeiten und Grenzen experimentiert hat. Und so machte ich mir Gedanken.

Social-Media-Terror im Schlafzimmer

Eins der nervigsten Phämoneme der heutigen Zeit ist es sicher, sein Handy am Bett liegen zu haben. Plötzlich piepst es. Oder du hast es leise gestellt, dann brummt es kurz. Du liegst im Bett und willst eigentlich schlafen. Aber wie durchgeknallt springst du auf und schaust aufs Display. Kommt dir bekannt vor? War bei mir genauso.

Ich begegnete dem zunächst dadurch, dass ich mir die Regel auferlegte, das Handy einfach brummen zu lassen. Und was geschieht dann? Es bildet sich so eine Art Adrenalin-Kloß im Bauch. Du weißt, es ist scheißegal, was da gerade am Handy passiert ist. Aber ab diesem magischen Brummen rumort es in dir. Und mit jeder Minute scheint deine Neugier zu steigen. Du willst unbedingt wissen, was denn da gerade für eine Neuigkeit ins Haus gekommen ist. Und so enden deine guten Vorsätze manchmal Minuten später, wenn du genervt aufgibst und endlich nachsiehst.

Kaum hast du dich wieder hingelegt, brummt es das nächste Mal. Wie bin ich dem begegnet?

Regeln für einen gesunden Umgang mit Smartphone und Social Media

Ich habe mir überlegt, ob ich mich wirklich derartig von der Technik dominieren lassen will. Nein, dass wollte ich nicht. Also mussten Regeln her. Ich sage nicht, dass mir damit alle Welt folgen soll. Im Gegenteil. Aber vielleicht inspiriert dich das eine oder andere.

Regel 1: Ich kaufte mir wieder einen Wecker fürs Schlafzimmer. Nun war ich nicht mehr auf mein Handy zum Wecken angewiesen.

Regel 2: Sobald ich von der Arbeit oder sonstwas heimkomme, lege ich mein Handy auf ein Sideboard an der Eingangstür. Und dort bleibt es liegen.

Regel 3: Soweit es sich nicht verhindern lässt, dass mein Handy beim Arbeiten neben mir liegt, so liegt es auf dem Display.

Regel 4: Sobald ich mit Menschen zu tun habe, lege ich mein Handy aufs Display. Menschen sind immer wichtiger als irgendwelche Social-Media-Streams.

Nachteile von reglementiertem Social-Media-Verhalten

Ich ziehe diesen Lebensstil inzwischen viele Jahre durch. Und ich glaube, dass meine vier Regeln in meinem Leben mehr positive als negative Auswirkungen zeigen. Aber wir wollen ja ehrlich sein. Wer sein Smartphone bewusst zur Seite legt, der muss auch Kompromisse eingehen. Und einer dieser Kompromisse nervt mich wirklich sehr. Darum will ich ihn hier erwähnen.

Wenn du dein Handy beim Heimkommen sofort irgendwo ablegst, wo du es auch nicht mit einem Handgriff sofort wieder vor der Nase hast, geschieht etwas Ungewöhnliches: Diese vielen (meist sinnlosen) Nachrichten erhältst du weiter. Und nun sammelt sich ein ganzes Konglomerat an Müll, den du normalerweise sofort abgearbeitet hast. Doch nun liegt dein Handy abends in der Ecke und wird idealerweise erst morgens wieder konsultiert. Das Ergebnis sind Nachrichten über alle Kanäle. Du hast nun SMS erhalten und WhatsApps, Telegrams, Facebook-Messages, bei Twitter ist einiges geschehen und Mails hat man dir auch noch geschickt.

Du merkst schon: Ich bin nicht die Instagram- und Tiktok-Generation. Möglicherweise hast du dazu auch noch Nachrichten erhalten. Diese vielen Nachrichten nerven mich inzwischen wie Sau. Und das führt zu einem sonderbaren Verhalten meinerseits. Ich habe damit leben gelernt, dass bei mir auf dem Smartphone rote Zahlen stehen – also diese Marker für neue Nachrichten. Ich habe extremste Probleme, alle diese Nachrichten abzurufen bzw. zu sichten oder zu beantworten. Ich nehme sie einfach gar nicht mehr wahr.

Und natürlich – wie kann es anders sein – sind gelegentlich auch mal wichtige Nachrichten dabei. Aber wenn ich am nächsten Morgen auch nur zehn neue Nachrichten über lauter verschiedene Kanäle sichten soll, scheint mich das zu überfordern. So lasse ich es einfach. Es laufen dann noch mehr ungelesene Nachrichten auf.

Bis jetzt hat mich jeder erreicht, der mich erreichen wollte. Aber ich gebe zu: Gelegentlich gibt es mit meiner Methode Missverständnisse. Es muss ja niemand genauso machen wie ich. Aber vielleicht inspiriere ich ja den einen oder anderen doch, sein Leben in die Hand zu nehmen und weder einem Gerät noch einem amerikanischen Konzern die Kontrolle über das eigene Leben zu überlassen.

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